Auch in der Schachbundesliga Vizemeister
Ende der Schachbundesliga Saison 2025/2026: Die erfolgsverwöhnte OSG Baden-Baden, achtzehnfacher Rekordmeister, hat erneut ausgezeichnet abgeschnitten: Die Vizemeisterschaft, denkbar knapp vor den kometenhaft aufgestiegenen, sich nach einer Saison aber schon wieder freiwillig verabschiedenden Schachfreunden Wolfhagen – zwei Brettpunkte („Tore“) Vorsprung für die OSG. Aber der Abstand von sieben Mannschafts- und neuneinhalb Brettpunkten zum neuen Meister SC Viernheim, dem OSG-Vorsitzender Patrick Bittner und Mannschafsführer Sven Noppes im Veranstaltungsort, dem Willy-Brandt-Haus in Berlin zu der eindrucksvollen Leistung nur gratulieren konnten, ist jedoch ungewöhnlich deutlich.
Klar: Die Schachbundesliga auf dem zweiten Platz zu beenden, ist immer ein sehr erfreuliches Ergebnis, aber man braucht nicht drumherum zu reden: Irgendwie hat es im Gebälk des Kurstadtvereins geknirscht. Es fing in den drei Schlussrunden des vergangenen Wochenendes mit einem mühevollen 4:4 Unentschieden gegen den SC Heimbach-Weis-Neuwied an, einen Abstiegskandidaten, den man bisher immer besiegen konnte (der Verein hat den Klassenerhalt geschafft). Die theoretisch noch mögliche Meisterschaft war damit verspielt. Dann kam der Showdown gegen den bereits als Meister feststehenden SC Viernheim, dem man eigentlich zum Meisterschaftsende ein „nettes Andenken“ an den Club an der Oos mitzugeben gedachte, vielleicht ein Unentschieden, oder eine Niederlage? Daraus wurde nichts: 4,5:3,5 für die meisterlichen Südhessen hieß es am Ende, obwohl beide Mannschaften auf dem Papier, mit einem verschwindend kleinen ELO-Unterschied von 36 Zählern zugunsten von Viernheim, praktisch gleich stark waren. Schon etwas deutlicher der ELO-Vorsprung von 76 Punkten von Baden-Baden gegenüber Wolfhagen. Aber auch hier sprang für die OSG nicht mehr als ein 4:4 Unentschieden heraus. Die Schachprogramme zeigen es am Rechner: Das Baden-Badener Team verpasste in einigen Partien des Wochenendes Chancen, wo man als Zuschauer gefühlt sagen würde: In den zurückliegenden Glanzzeiten hätte man sie verwertet.
Und wir nähern uns des Pudels Kern: Währen der gesamten Spielzeit 2025/26 litt die OSG unter einem strukturellen Problem: Aus der an den Brettern eins bis acht gemeldeten „Weltauswahl“ der OSG, von der man in früheren Zeiten einige Spieler regelmäßig bewundern konnte, waren in den 15 Runden 2025/26 nur siebzehn Mal Spieler an die Bretter zu bekommen. Viernheim und Wolfhagen konnten ihre Ranglisten hingegen über alle Runden hinweg relativ stabil einsetzen. Das lukrative, in den letzten Jahren enorm ausgeweitete Turniergeschehen rund um den Globus, zu dem die Baden-Badener Spitzenleute einfach häufiger eingeladen werden, als die in der Weltrangliste durchschnittlich etwas tiefer agierenden Spitzenspieler anderer Vereine, führt immer wieder zu Absagen bei der Aufstellung. Das gipfelte in Runde drei darin, dass Die Mannschaft der OSG nur mit sieben, anstatt vollzählig mit acht Spielern antreten konnte. Ein allzu knapper 4,5:3,5 Sieg gegen den Außenseiter SV Deggendorf war die Folge, während Viernheim gleichzeitig 6,5:1,5 gegen MSA Zugzwang siegte.
Es war möglicherweise ein Bruch im Saisonverlauf, von dem sich die OSG nicht wieder richtig zu erholen schien. So folgte in Runde 4 sofort ein 4:4 Unentschieden gegen Bayern München, eins von vier weiteren in unregelmäßiger Abfolge. Natürlich sind die Spieler der OSG von den Meldeplätzen 9 bis 18 beileibe keine „B-Mannschaft“, sondern der Kern des Teams, ebenfalls gespickt mit Weltklassegroßmeistern. Aber Aufstellungsunsicherheiten und vielleicht noch andere, organisatorische Probleme schienen auf das Team abgefärbt, den mannschaftlichen Zusammenhalt in Mitleidenschaft gezogen zu haben. Verglichen mit besseren Zeiten war einfach „weniger Luft im Reifen“.
Mit Siegen, Niederlagen und Unentschieden, die sich die Waage hielten, bestritten Viswanathan Anand, Vincent Keymer, Nikita Vitiugov, Rustam Kasimdzanov, Etienne Bacrot, Alexei Shirov, Alexander Donchenko, Bennet Hagner und Timur Kocharin die letzten drei Runden der Saison, wobei Ex-Weltmeister Anand nach wie vor die größte Anziehungskraft auf die Zuschauertrauben um sein Brett herum ausübte.
Im Verein, so hat es Vorsitzender Patrick Bittner angekündigt, wird man sich jetzt Gedanken um eine grundsätzliche Neuausrichtung machen, vielleicht wesentlich mehr als bisher auf jugendlichen Nachwuchs gestützt. Das Potential ist vorhanden.
Walter Siemon
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