Let’s go on Kapitel 2
Auf dem Schreibtisch ist kein Laptop, es liegen keine Notizzettel oder verstreute Blätter herum.
Ich durchsuche die Leiche, die Taschen sind leer, keine Schlüssel, kein Handy, überhaupt nichts, auch die Hände, die schon erste Anzeichen von Leichenstarre zeigen, sind frei.
Ich rücke ein paar Schritte zurück und lasse den Blick langsam von oben nach unten über den toten Kitano gleiten. Der Mund sieht merkwürdig aus, die dünnen Lippen spannen sich grinsend fast bis zu den Ohren. Mit dem linken Arm halte ich seine Stirn fest und versuche das Kinn herunterzuziehen.
Die Leiche will ihr Geheimnis nicht preisgeben, so sehr ich mich auch anstrenge, der Mann beißt auch nach dem Tod auf die Zähne, aus Versehen breche ich ihm bei dieser Gewalt das Genick.
An der Wand hängt ein kleines Samurai-Schwert. Ich schiebe es mit der stumpfen Seite zwischen seine Lippen und bewege es hin und her, als würde man versuchen, eine störrische Blechkiste zu öffnen. Endlich tut sich ein Spalt auf. Mit dem Finger untersuche ich sorgfältig den Mundraum. Es ist nichts zu finden. Ich schiebe die Hand tiefer in den Hals und strecke den Zeigefinger in die Speiseröhre.
Ein kleiner Gegenstand ist dort eingeklemmt, ich ziehe ihn durch den Rachen ins Freie. Es ist eine Micro SD Karte.
Schweißüberströmt ruhe ich mich einen Augenblick aus.
Mein Anzug ist voller Blut und Schleim, die Haare sind verklebt, die Hose mit Flecken übersät.
Ich laufe an der toten Sekretärin vorbei zum Gang und schaue in alle Richtungen. Niemand ist zu sehen, vorsichtig setze ich mich in Richtung Aufzug in Bewegung.
Es scheint niemand unterwegs zu sein, Corona hat die Angestellten in das Home-Office gejagt.
Die Situation hat mich in tiefe Niedergeschlagenheit versetzt, in einen somnambulen Zustand, in dem ich nicht mehr Herr meiner Sinne bin, es ist eine Art Betäubung, die nicht weichen will. Der Anblick des abgetrennten Kopfes der Sekretärin auf dem Schreibtisch hat sich im Gehirn festgebrannt.
Ich muss hier raus.
Mit dem typischen Klingelton hält der Aufzug auf dem Stockwerk, wie paralysiert starre ich auf die Türe, die sich mit einem leisen Zischen öffnet.
Ich sehe den breiten Rücken einer fülligen Frau in einem grauen Kittel, sie zieht ein hellblaues Plastik-Gefährt mit einem großen, roten Putzeimer aus dem Aufzug heraus. Langsam dreht sich mit dem Wagen zu mir um und blickt mich mit aufgerissenen Augen erstaunt an.
Ohne mich aus den Augen zu lassen rennt sie samt ihrem Wagen an mir vorbei in Kitanos Büro.
Wenige Sekunden später hört man schrille Schreie, ich muss abhauen. Schnell flüchte ich in den Aufzug und drücke auf den Knopf für das Erdgeschoss. Sofort ertönt eine helle Sirene durch das ganze Gebäude.
Aus dem Lautsprecher spricht eine Stimme: „Es gibt einen Notfall im Gebäude, bitte bleiben Sie in den Räumen, der Eingang wird zur Zeit durch unser Sicherheitspersonal gesichert, es gibt keine Grund zur Panik.“
Verdammt, schwer hier rauszukommen denke ich. Auf der Beschriftung im Aufzug lese ich, dass es im 30. Stockwerk ein Restaurant gibt, ich drücke den Knopf und steige aus.
An den Tischen sitzen Geschäftsleute, die sich aufgeregt über die überraschende Störung ihrer täglichen Routine wild gestikulierend unterhalten gestikulieren. Unbemerkt schlüpfe ich durch den Trubel hindurch zu einer Türe mit einem Schild „Nur für Personal.“
Der karg ausgestattete Raum ist verwaist. An einem Haken an der Wand hängt ein Mantel, den ich mir überziehe, außerdem finde ich noch eine schwarze Kochmütze. Meine verdreckten Klamotten entsorge ich in einem Mülleimer.
Im Restaurant wird noch immer heftig diskutiert, die Sirene faucht durch das Gebäude wie eine wütende Kobra.
Auf der Serviertheke steht ein unberührtes Tablett mit einem Essen, ich greife es mir und gehe zum Aufzug.
Durch den Haupteingang kann ich nicht flüchten, raus geht es nur durch den Keller, durch die Garage.
Kaltes Neonlicht, irgendwo hallen ein paar Stimmen durch die labyrinthischen Eingeweide des Gebäudes. Ich haste durch die Autos hindurch zum Ausgang, an der Schranke ziehe ich pro forma den Mantelkragen ins Gesicht und verlangsame die Schritte. Ich schleiche an der Rampe nach oben, höre Stimmengewirr und Asphaltgetrampel.
Vor dem Haupteingang versammelt sich der bekannte menschliche Scheißhaufen, Bullen, Sicherheitsleute, Gaffer.
Langsam schleiche ich daran vorbei, meine Knie sind weich wie Kaugummi, an der nächsten Ecke kotze ich in einem sprudelnden Strahl auf die Straße.
Ich kleiner Anfänger bin auf einen Trick herein gefallen.
Unterwegs zum Shangri-La denke ich an Nina. Warum hat sie mich nicht gewarnt, was ist in ihr vorgegangen, als sie mich zu Kitano schickte?
Eine Bar ist offen. Ein paar Gestalten hängen herum und starren auf einen Monitor, in den Nachrichten ist das Geschehen schon ein Thema, kurz wird der Kopf der Sekretärin eingeblendet, sie haben noch keinen Verdächtigen.
Ich lasse mir einen Whisky, einen Kaffee und ein Bier bringen. Der Schnaps ist Raketenbrennstoff fürs Gehirn.
Ein gutes Gefühl, vielleicht hätte Feuerbach einfach mehr Schnaps trinken sollen, als er versucht hat die Existenz Gottes zu beweisen, der Idiot.
Ich bestelle noch einen Whisky und werde langsam betrunken, was mich nicht im Geringsten stört.
Nina, Nina, Nina. Ich kann nicht aufhören an sie zu denken.
Nina tut so, als würde sie noch schlafen. Sie wartet, bis er das Zimmer verlässt.
Es war eine schöne Nacht.
Als er weg ist, geht sie zum Kleiderschrank und nimmt ein Hemd in die Hand.
Es riecht anders als die von Kaito. Kein Schweiß, ein Rest von Calvin Kleins Obsession, aufregend. Wie seine Küsse und seine Berührungen in der Nacht.
Plötzlich dreht sie sich ängstlich um, als würde jemand im Raum stehen und sie beobachten. Es ist niemand da.
Sie traf Kaito vor drei Jahren in Paris. Sie war nicht unerfahren und arbeitete schon einige Zeit erfolgreich in einer großen PR-Agentur. Sie wollte zeigen, dass sie etwas kann. Mit ihrem taktischen Geschick gelang es ihr, neue Kunden zu gewinnen und die alten, die immer auf der Suche nach der letzen Weisheit waren, davon zu überzeugen, dass die Agentur die beste am Markt ist.
Dabei durfte sie nicht zimperlich sein. Eine fremde Hand auf ihrem Schenkel oder eine scheinbar unabsichtliche Berührung ihrer Titten oder ihres Hinterns an der Bar bei einem Cocktail gehörten einfach dazu. Sie hat es ertragen.
Eines Abends wurde ihr ein dicker, schwitzender Kunde vorgesetzt.
In der Mitte seines aufgedunsenen Gesichts sah sie einen Mund mit dünnen, pastellroten Lippen. Über den Augenhöhlen waren maisgelbe Brauen mit einem glibbernden Brei aus Schweißperlen und Schuppen. Wenn er redete, verzog sich die Oberlippe elastisch um einige Zentimeter nach oben, um alles zu verschlucken, ein Arschloch-Pacman.
Er roch wie eine angeschwemmte Leiche. An seinen Händen waren kleine, wurmförmige Finger befestigt.
Wenn er sich aufrichtete, schwang sich der kegelförmige Körper in einer schwabbeligen Hula-Hoop-Bewegung um seine kurze Achse.
Nachts konnte sie nicht schlafen.
Dann kam Tanaka. Sie war reif, ihr war alles egal. Sie hatte schon alles erlebt. Es blieb die Hoffnung.
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