Heidelberger Berufs-Schachspielerin: "Eigentlich mag ich Schach nicht"
Von Wolfgang Brück
Heidelberg. Elisabeth Pähtz ist die beste deutsche Schachspielerin. Die Jugend- und Junioren-Weltmeisterin lebt seit einem Jahr mit ihrem Mann Luca Shytaj, der als Biologe an der Uni Heidelberg arbeitet und Internationaler Meister ist, in Ziegelhausen. Der Anlass für das Interview, in dem die 32-jährige Erfurterin bemerkenswerte Einsichten in das Leben einer professionellen Schachspielerin gibt, ist der 89. Badische Schachkongress. Er wird in der kommenden Woche - von Mittwoch bis Sonntag - vom Schachverein Walldorf in der Schulsporthalle ausgerichtet.
Frau Pähtz, warum ist Schach ein Männersport?
Es stimmt, dass deutlich mehr Männer als Frauen Schach spielen. Dafür gibt es mehrere Erklärungen. Zum Beispiel: Männer können sich besser auf eine Sache konzentrieren. Nach meiner persönlichen Erfahrung war es für meinen Bruder immer leichter, sich nach der Schule noch voll auf ein Hobby zu fokussieren. Zum Beispiel aufs Spielen am Computer. Ich kenne keine Frau, mich eingeschlossen, die ein einzelnes Hobby mit einer solchen Intensität betreibt. Um es im Schach aber noch weiter zu bringen, ist es unbedingt notwendig, diese Hingabe zu entwickeln.
Eine Hingabe, die bis zur Obsession führen kann. In Nabokows Erzählung "Lushins Verteidigung" sitzt ein Schachspieler auf einer Bank und denkt: Ob dieser Telegrafenmast die Linde dort drüben mit einem Springerzug schlagen kann?
Diese Gedanken sind mir in der Tat völlig fremd. Ich beschäftige mich nicht Tag und Nacht mit Schach. Noch nicht mal in meinen Träumen kommt Schach vor.
Aber gelegentlich schlafen Sie schlecht?
Der Druck ist zuweilen groß. Es kann um Preisgelder in fünfstelliger Höhe gehen. Wenn du dann klar auf Gewinn stehst und mit einem Zug alles kaputt machst, ist der Schlaf in der kommenden Nacht meistens nicht der beste.
Sie haben mal gesagt: Eigentlich mag ich Schach nicht.
Die Glücksmomente nach Siegen sind kürzer als die Phasen des Schmerzes nach Niederlagen. Das kann richtig runter ziehen und sogar depressiv machen. Könnte ich die Uhr zurückdrehen, würde ich nicht mehr Schach als Beruf wählen, sondern hätte Gesang studiert und hätte versucht, mein Potenzial im Eisschnelllauf auszuschöpfen. In meiner Heimatstadt Erfurt gab es dafür dank Gunda Niemann und ihrer Erfolgsgeschichte gute Rahmenbedingungen.
Ihr Weg war vorgezeichnet. Vater Thomas Pähtz war Großmeister und Schachtrainer. Ihr Onkel hat 1984 die Software für einen der ersten Schach-Computer entwickelt. Mit neun waren Sie deutsche Meisterin, mit 20 Weltmeisterin. Wie war Ihr Leben als Wunderkind des Schachs?
Zwiespältig. In der Schule war ich Außenseiterin, wurde oft gehänselt. Schön waren die Reisen in alle Welt. Ich habe Freundschaften geschlossen, die bis heute halten. Aber: Wunderkind ist eine Erfindung der Medien. Ich halte mich nicht für ein Wunderkind.
Ein bisschen verrückt waren Sie - und das ist positiv gemeint - aber schon. Sie haben mal Hape Kerkeling, der als iranischer Großmeister verkleidet war, über einen Knopf im Ohr geholfen, eine Oberliga-Mannschaft matt zu setzen. Und im Washington Square Park haben Sie, bunt angezogen wie Pippi Langstrumpf, eine Gruppe von Schachspielern abgezockt.
Mein Gott, wie lange ist das her. Damals war ich extrovertierter. Übrigens habe ich die Dollars, die ich in New York mit der Verkleidung gewann, zurückgegeben.
Sie sind jetzt 32. Im besten Alter. Auch im Schach?
Mit 18, 19 war mein Gedächtnis besser. Aber das gleiche ich jetzt mit Routine aus.
Gedächtnis, Intelligenz, Fleiß - was macht eine gute Schachspielerin aus?
Das Erinnerungsvermögen spielt eine Rolle. Ich habe noch nie einen Terminkalender gebraucht und auch keinen Einkaufszettel, wenn ich in den Supermarkt gehe.
Haben Sie mal Ihren Intelligenz-Quotienten gemessen?
Nein. Ich habe ein eher normales Abitur mit einem Notenschnitt von 2,6, hatte sogar Schwierigkeiten in Mathematik. Ich entspreche nicht dem Klischee der Intelligenz-Bestie mit dicker Hornbrille und schmuddeliger Kleidung. Bei mir läuft viel über Intuition. Ich kann Menschen und Situationen gut einschätzen.
Sie sind eine attraktive Frau. Ist das ein Vor- oder Nachteil, wenn Sie am Brett sitzen?
Im professionellen Schach spielt das keine Rolle. Früher war es manchmal so, dass mir Männer imponieren wollten, indem sie besonders risikoreich spielten. Die höhere Risikobereitschaft haben Männer uns Frauen voraus.
Warum haben Sie nach fünf Jahren die Schachvereinigung Hockenheim verlassen?
Aus rein sportlichen Gründen. Hockenheim wurde immer stärker, so dass ich an die hinteren Bretter gerutscht bin. Ich hatte eine wunderbare Zeit in Hockenheim. Ehrenpräsident Dieter Auer ist mir in bester Erinnerung, und mit Hannes Rau, der auch in Heidelberg wohnt, habe ich bis heute Kontakt.
Gestatten Sie zum Schluss eine persönliche Frage: Ihr Mann und Sie sind etwa gleich stark am Schachbrett. Dürfen wir uns das so vorstellen, dass es Tag für Tag erbitterte Kämpfe um die Vormachtstellung gibt?
(lacht) Ganz bestimmt nicht. Gelegentlich spielen wir eine Partie Blitzschach. Lieber gehen wir gemeinsam schwimmen oder joggen am Neckar.

