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Gewalt im Fußball: Wenn Fans Kloschüsseln auf Polizisten werfen

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Fußball verbindet die Gesellschaft. Fußball ist ein großes Geschäft. Fußball ist unser Spiel. Wer den Sport liebt, muss ihn schützen – sogar vor seinen Fans. "Ich hab' einen nach dem anderen umkippen sehen, weil er einen Riesenstein an den Helm gekriegt hat. Lucy hat’s richtig schwer erwischt, die haben sie runtergezogen, auf sie eingedroschen, wohl einen Gullydeckel auf sie drauf geschmissen, mit den Worten: 'Wir töten dich, du Fotze'." So berichtet ein Beamter der Bereitschaftspolizei über seinen Einsatz. Es ging nicht gegen einen rechtsextremen Mob, nicht gegen linke Antifa-Chaoten oder die militanten Freunde der Hamas. Es war einfach nur ein Routineeinsatz im Fußballstadion. Ein Samstag im Januar, Magdeburg , Avnet Arena, besser bekannt als Heinz-Krügel-Stadion. Der 1. FC spielt gegen Dynamo Dresden , zweite Liga. Dresdner Ultras schießen Feuerwerk in einen Magdeburger Block. Magdeburger Ultras versuchen, in den Dresdner Block einzudringen, die Polizei schützt den Gästebereich. Die Hundertschaft sieht sich erst 30 Vermummten gegenüber, dann sind es 800, vielleicht tausend, die mit roher Gewalt gegen die Beamten vorgehen. Pflastersteine, Heizkörper, Kloschüsseln fliegen, 27 Minuten dauert die Schlacht, mehr als 70 Polizisten werden verletzt, einige von ihnen schwer. DFL und DFB, also die Bundesliga und der Fußballverband, sind stolz auf die verbindende Kraft des Sports, sie propagieren Respekt und Vielfalt. Tatsächlich zeigt der Fußball an jedem Spieltag, was er kann, nicht nur sportlich. In den Stadien und vor den Bildschirmen bringt er die Gesellschaft zusammen: Jung und Alt, Arm und Reich, Links und Rechts. Der Fußball ist das letzte große Lagerfeuer, an dem sich das Land gemeinsam wärmt. Magdeburg passt nicht in dieses Bild. Ist Magdeburg die Ausnahme? Tatsächlich war der Exzess beim ostdeutschen Traditionsduell der schlimmste Krawall seit Jahren. Aber längst nicht der einzige. Eine Woche zuvor, Berliner Olympiastadion, Hertha gegen Schalke, ein westdeutsches Traditionsduell. Vollbesetzte Ränge, Flutlicht, Gänsehautstimmung – und Gewalt. 31 verletzte Fans, 21 verletzte Polizisten, fünf Festnahmen. Es passiert immer wieder. Im Kölner Hauptbahnhof prügeln sich Fans von Borussia Dortmund mit denen von Schalke 04 . In Hannover gehen Anhänger des FC St. Pauli und des VfL Wolfsburg aufeinander los. In Frankfurt werden unbeteiligte Zuschauer durch Böller verletzt. Die Bundespolizei registrierte in der vergangenen Saison im Umfeld des Fußballs 1.500 Straftaten, darunter 600 Gewaltdelikte. Das Business boomt In den Chefetagen der DFL und der Klubs wird der Fußball als Hochglanzprodukt aufbereitet, international vermarktbar, attraktiv für TV-Sender, Streaming-Plattformen und Sponsoren. Mehr als 6 Milliarden Euro Umsatz in einer Saison, mehr als 20 Millionen verkaufte Tickets in der ersten und zweiten Liga: Das Business Bundesliga boomt. Schlägereien und Vandalismus passen weder zum Gesellschaftsbild noch zum Geschäftsmodell der Liga. Was tun? Schon immer hat es jugendliche Subkulturen gegeben, Tabubruch und Regelverletzungen gehören zu ihrer Identität. Beispiel Pyrotechnik: Bengalos und Rauchfackeln sind feste Bestandteile der Ultra-Shows im Stadion, obwohl sie verboten sind. Oder weil sie verboten sind. Erst die Grenzüberschreitung bringt den Kick, das jedenfalls sagen die Soziologen. Aber wer Kloschüsseln auf Polizisten wirft, begeht eine schwere Straftat. Das hat nichts mit jugendlichem Überschwang zu tun. Wir müssen reden, alle an einen Tisch! Das fordern die Fan-Beauftragten der Klubs, Vertreter der Ultras und Politiker von Grünen und Linken. Für manchen Innenminister und die Gewerkschaft der Polizei klingt das wie Hohn. Führen wir etwa mit arabischen Jugendlichen, die in Neukölln Rettungskräfte attackieren, pädagogische Gespräche? Mit Palästina-Aktivisten, die jüdische Einrichtungen bedrohen? Was gibt es also mit den Gewalttätern im Stadion zu besprechen? Einen Kompromiss? Künftig nur noch Steine, Gullydeckel sind tabu? Fans sind Wähler Also hartes Durchgreifen. Im Dezember 2025 planten die Innenminister der Länder drastische Maßnahmen. "Fußball ohne Gewalt" nannten sie ihr Aktionsprogramm: personalisierte Tickets, automatische Gesichtserkennung, Stadionverbote. Die Ultras protestierten, die Manager argumentierten – geht nicht, bringt nichts, schafft nur neue Probleme. Die Innenminister lenkten ein. Fans sind auch Wähler. Holger Stahlknecht, der Präsident des Fußballverbandes von Sachsen-Anhalt, hat diese Idee: Die Gewalttäter müssten schnell bestraft werden, und zwar mit kurzen Haftstrafen, aber ohne Bewährung. Der Mann hätte Richter werden sollen, dann wäre er für das Strafmaß zuständig. Er ist aber Fußballfunktionär. Von ihm wüsste ich gern, was der Fußball selbst tut, damit das Spiel nicht den falschen Leuten in die Hände fällt. Ich hätte da ein paar Vorschläge. Sich erst mal ehrlich machen. Der 1. FC Magdeburg hat nach dem Spiel gegen Dresden eine Stellungnahme veröffentlicht: "Zu den Vorkommnissen rund um das Ost-Derby …" Vorkommnisse. Es fängt schon bei dieser sprachlichen Verschleierung an. Die Vorkommnisse waren schwere Ausschreitungen. Bei den "Auseinandersetzungen zwischen FCM-Anhängern und der Polizei", von denen dann in der Stellungnahme die Rede ist, handelt es sich um Delikte bis hin zu versuchtem Mord und Totschlag. Schuld ist immer die Polizei Die organisierten Fans wissen immer genau, wer schuld ist: die Polizei. Die Polizei eskaliert, sie hat falsche Einsatzkonzepte, will einfach mal draufhauen. Fast immer stimmen die Klubmanager in das Lied ein: Der Einsatz könnte überzogen gewesen sein, die Beamten seien nicht höflich gewesen, das müsse man erst mal aufarbeiten. Bloß nicht die Ultras verärgern, die sind ein Machtfaktor im Fußball, außerdem sorgen sie für die Stimmung im Stadion, um die uns die ganze Welt beneidet. Da duckt man sich lieber weg, statt den Problemen ins Auge zu sehen. Die Ultras sind Gewalttäter – dieser Satz stimmt natürlich nicht. Aber der folgende Satz stimmt: Die Gewalttäter sind Ultras. Kriminell veranlagte Schläger, gewaltbereite Gestalten aus der Türsteher- und der Kampfsportszene, sie alle finden in der Fankurve Schutz und Solidarität. Distanzierung ist verpönt. Es ist lange her, dass Hooligans mit rechtsextremem Hintergrund in die Stadien drängten; der Fußball hat(te) sie erfolgreich verbannt. Jetzt ist Zeit, wieder genau hinzuschauen, wer sich – vor allem in einigen ostdeutschen Traditionsclubs – als Hüter der Fußballkultur inszeniert. Wenn ein Verein durchgreift und sogenannten Fans den Zugang zum Spiel verweigert, hängen die Ultras ein großes Banner auf: keine Stadionverbote! Wenn der DFB ausnahmsweise die Fankurve sperrt, wegen der "Vorkommnisse", sind sich die Ultras über alle Rivalitäten hinweg einig: gegen Kollektivstrafen! Wüste Ausfälle gegen die Polizei gehören zum schlechten Ton: "Bullenschweine", wie früher bei der RAF , oder einfach "ACAB", All Cops are Bastards. 1,6 Millionen Einsatzstunden dieser Cops fallen jedes Jahr rund um den Profifußball an, das entspricht mehr als 1000 Stellen. Wo bleibt der Dank? DFL und DFB setzen vor Beginn des Spiels immer wieder Zeichen: gemeinsame Fotos der Teams für die Werte des Fußballs, für Toleranz und Fairplay, gegen Rassismus . #NieWieder, #WeRemember, das ist nicht nur gut gemeint, sondern gut. Oder #Danke an all die Menschen, die sich im Ehrenamt für den Sport engagieren. Aber wo bleibt der Dank an die Polizei, ohne die kein Fußballspiel stattfinden könnte? Ein paar Mann aus der Hundertschaft dürften gern mit aufs Foto, in Magdeburg vielleicht sogar die Lucy, wenn sie hoffentlich genesen ist. Das ganze Stadion würde Beifall klatschen. Bis auf die Ultras.

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