Marc Girardelli im Racket-Center Nußloch: Skistar las mit Vorarlberger Akzent und Behutsamkeit
Von Joachim Klaehn
Nußloch. Der Stargast des Abends ist ein kerniger Naturbursche - ein Sportler und Profi aus dem Effeff. Marc Girardelli (54), einer der besten Skirennläufer aller Zeiten, kennt sich aus mit den scheinbaren Gegensätzen von Beschleunigung und Entschleunigung.
Er liebt die Geschwindigkeit, ob auf Skiern, auf dem Fahrradsattel oder auch im Helikopter. Aber er weiß eben auch eine gesellige, intelligente Runde sehr zu schätzen, mit der über Gott und die Welt fachsimpeln kann.
In der hiesigen Rhein-Neckar-Region fühlt sich Girardelli wohl, was in erster Linie an den freundschaftlichen Banden zur Familie von Manfred Lautenschläger (79) liegt. Im Racket-Center Nußloch genießt es Girardelli, seinen zweiten Kriminalroman "Mordsschnee" bei einer Buchlesung vorstellen zu können.
Manfred Lautenschläger, Inhaber des Racket-Center, erzählt kurz, dass er Girardelli beim jährlichen Familienskiurlaub in Gaschurn kennengelernt habe und "leichtsinnigerweise zweimal mit Marc Ski gefahren" sei. Die Folgen: An einem senkrechten Abriss zieht es Lautenschlägers Knie an die Kinnspitze, er sieht Sternchen, und nach einer Buckelpistenabfahrt helfen nur noch hoch dosierte Schmerztabletten.
"Marc ist ein Kraftbolzen von Skifahrer", sagt Lautenschläger. Geschäftsführer Matthias Zimmermann hebt Girardellis Multitalent hervor und erlaubt sich einen subtilen Hinweis: "Er ist kein Sonderattaché eines afrikanischen Staates ..."
Girardelli ist (auch) Buchautor geworden. Aus Leidenschaft, Interesse und Überzeugung. Mit Vorarlberger Akzent und mit Behutsamkeit liest er aus "Mordsschnee" vor, es sind die Seiten 25 bis 29, und unterbrochen, weiter bis zur Seite 33. Die authentische Szene beschreibt seinen schwersten Unfall mit 19, bei einem Abfahrtsrennen in Kanada.
Girardelli alias Marc Gassmann (Romanfigur) rauscht einen Hang mit bis zu 150 Stundenkilometern hinunter, einen weiten Sprung schätzt er falsch ein - es zerlegt ihn. Das linke Knie steht komisch ab, der Unterschenkel verselbstständigt sich, das Gelenk ist wie ein Klumpen und wird um 360 Grad gedreht. "Die linke Kniescheibe steckt in der Kniebeuge fest", so steht es im Skiroman. Der blanke Horror.
Insgesamt 18 Operationen muss Girardelli in seiner Karriere wegstecken. Ein Gewinnertyp, ein Stehaufmännchen, eine Kämpfernatur ist er, einer, der das Scheitern stets als Chance begreift. Als ihm Knie-Papst und Operateur Richard Steadman in Kalifornien rät, nicht mehr auf die Bretter zu steigen und sich einen "Job ohne Stiegen" zu suchen, ist das für Girardelli eine Herausforderung: "Es geht darum, die negative Motivation ins Positive zu drehen."
Girardelli vermag die Menschen zu fesseln, weil er so unaufgeregt und bodenständig geblieben ist - trotz seiner fünf Weltcup-Triumphe, vier Weltmeister-Titel und zwei Olympia-Medaillen. Er signiert Bücher, unterhält sich mit den Lesern, lässt Fotos Arm in Arm zu.
Girardelli ist ein glänzender Vermarkter. Am Tisch der Familie Lautenschläger geht ein schöner Sommerabend zu Ende. Inhaltsschwanger, launig - und ganz entspannt.

