Meckenheim: Der Glocken-Ofen stand mitten auf dem Rathausplatz (plus Fotogalerie)
Von Anna Manceron
Meckenheim. Wie man eine Glocke gießt, weiß Birgit Müller ganz genau. Unzählige Male hat sie zugesehen, wenn die heiße, flüssige Masse in die Form läuft. Heute aber wird alles anders sein. Zum ersten Mal ist Birgit Müller dabei, wenn in ihrem Heimatdorf eine Glocke gegossen wird. Und zwar unter freiem Himmel. "Ein unvergesslicher Moment", sagt Müller später. "Ich hatte Gänsehaut."
Meckenheim - ein kleines Dorf in der Pfalz, nördlich von Haßloch. 3500 Einwohner. Ein Jahr lang feiert der Ort sein 1250-jähriges Bestehen. Höhepunkt dieses Fests ist der Guss einer Jubiläumsglocke. Mitten in Meckenheim, auf dem Rathausplatz."Endlich passiert hier mal wieder was Schönes", seufzt Birgit Müller. Als Glockensachverständige kümmert sich die 53-Jährige um etwa 5000 Kirchtürme in ganz Rheinland-Pfalz. Sie hat auch das Gutachten über die sogenannte "Hitler-Glocke" in Herxheim am Berg geschrieben. Das 800-Seelen-Dorf liegt knapp 20 Autominuten von Meckenheim entfernt.
Die Herxheimer Glocke mit der Aufschrift "Alles fuer’s Vaterland Adolf Hitler" hatte 2017 in ganz Deutschland für Aufsehen gesorgt. Der Medienrummel um die Hitler-Glocke hat nicht nur den Herxheimern einiges abverlangt - auch bei Birgit Müller lagen die Nerven oft blank.
Aber zurück nach Meckenheim: Die Gießer sind eigens aus dem Elsass angereist - mitsamt ihrer Ausstattung. Der "Ofen", den die Männer vor dem Rathaus aufgebaut haben, besteht aus Backsteinen, einem Schmelztiegel und einem Container mit Sand, der als Grube dient. "Die Prozedur ist noch die gleiche wie vor 300, 400 Jahren", erzählt Firmenchef André Voegele.
Rund hundert Glocken gießt der Straßburger pro Jahr - in Frankreich und in Deutschland. Seit 29 Jahren ist der Elsässer im Geschäft, die Gießerei hat er von seinem Vater übernommen. Und die Leidenschaft für dieses ungewöhnliche Handwerk mit dazu. "Sie kennen die Geschichte von Obelix, der als Kind in einen Zaubertrank gefallen ist, oder? So ähnlich war das auch bei mir", erzählt er und grinst verschmitzt. Nicht, dass er mal in den Schmelztiegel gefallen wäre. Aber auch schon als Kind durfte er beim Gießen und Rühren im großen Tiegel helfen.
"Fest gemauert in der Erde steht die Form aus Lehm gebrannt - heute muss die Glocke werden, frisch Gesellen seit zur Hand": Friedrich Schillers "Lied von der Glocke" kennt André Voegele auswendig. "Genauso, wie Schiller es beschrieben hat, gehen wir jetzt vor", erklärt der Gießer. "Wort für Wort."
Langsam wird die Lehmform mit dem steinernen Kern eingegraben, der Sand drum herum festgestampft. Das ist wichtig, damit die Form später die heiße Bronze aushält und nicht auseinanderplatzt. Als die Dämmerung eingesetzt, stecken die Gießer den Ofen an. Zuerst wird das Kupfer geschmolzen, dann das Zinn. Denn die Bronze für den Guss besteht aus 78 Prozent Kupfer und 22 Prozent Zinn. Das rot glühende Gemisch, auch Glockenspeise genannt, schmilzt bei 1100 Grad Celsius.
Und dann ist es soweit. Nachdem beide Pfarrer ihren Segen gegeben haben, beginnt der Guss. Je acht Kilogramm wiegen die Schöpfkellen, mit denen die Gießer die brodelnde Bronze abschöpfen. Ihre Schutzkleidung aus Glasfaser und Aluminium schützt die Männer vor Hitze und Spritzern. Mehr als 500 Meckenheimer halten den Atem an, während die Glockenspeise in den Hohlraum zwischen Form und Kern fließt. Applaus brandet auf, als Gießer André Voegele schließlich verkündet: "Der Guss ist gelungen."
Genau 129 Kilo wiegt das gute Stück, bei einem Durchmesser von etwa 65 cm. Die Kosten für den Guss liegen bei 12.000 bis 14.000 Euro. Einen Großteil davon hat das Dorf über Spenden finanziert. Wer mehr als 250 Euro gegeben hat, findet seinen Namen auf der neuen Glocke als Inschrift verewigt.
Mindestens 24 Stunden braucht die Bronze, um abzukühlen. Zwei Tage später, beim Frühschoppen, wird die Glocke ausgegraben, abgeklopft und verladen. Die Gießer nehmen sie mit nach Straßburg, säubern sie vom schwarzen Ruß und prüfen den Ton. Erst dann zeigt sich, ob die dreimonatige Vorarbeit der Gießer wirklich erfolgreich war. Entscheidend für den Klang sind Durchmesser, Höhe und Wandstärke der Glocke. Den Ton für die Jubiläumsglocke hat Birgit Müller ausgesucht - und sich für ein "e 2" entschieden. Am 2. September kommt die Glocke zurück nach Meckenheim. Dann wird sie mit einem Festwagen durchs Dorf gefahren, bevor sie im Oktober in der Friedhofshalle aufgehängt und eingeweiht wird. Für Heiner Dopp, seit 20 Jahren Bürgermeister von Meckenheim, steht schon jetzt fest: "Wir haben unseren Bürgern heute etwas Einmaliges geboten - wer nicht dabei war, hat etwas versäumt."

