Neue Specialized Radial-Reifen im ersten Test: Griffiger als Griptape
Specialized Radial-Reifen im ersten Test: Am Auto sind sie Standard, im Mountainbike-Bereich noch ein Novum – nun präsentiert Specialized als zweiter Hersteller Radial-Reifen. Die Enduro-Modelle Butcher und Eliminator sind ab sofort mit Grid Gravity Radial-Karkasse erhältlich und sollen mehr Auflagefläche und Grip bieten. Wie sich das auf dem Trail anfühlt, haben wir bereits getestet!
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Specialized Butcher/Eliminator Radial – Infos und Preise
Die Reifen sind wohl die Komponente am Mountainbike, an der man weiterhin die größten Entwicklungssprünge feststellen kann. Specialized will nun einen solchen getan haben und präsentiert die bekannten Enduro-Reifen Butcher und Eliminator mit neuer Radial-Karkasse. Zur Erinnerung: 2024 hat Schwalbe erstmals Radial-Reifen für Mountainbike präsentiert (Schwalbe Albert Radial-Test). Specialized verspricht deutlich mehr Auflagefläche, aber eine nur leicht gesunkene laterale Steifigkeit – weshalb man bei besserem Grip denselben Luftdruck wie bisher fahren können soll! Die Reifen kosten passende 69 € und sind lediglich in der dicksten Grid Gravity-Karkasse erhältlich.
- Modelle Butcher, Eliminator
- Laufradgrößen 29″, 27,5″
- Reifenbreiten 2,4″
- Gummimischung T9 (Butcher), T7/T9 (Eliminator)
- Karkasse Grid Gravity
- Besonderheiten 30 % mehr Auflagefläche, 7 % weniger laterale Steifigkeit
- verfügbar ab sofort
- Gewichte 1.295 g (27,5″) / 1.388 g (29″)(gewogen, Grid Gravity-Karkasse)
- www.specialized.com
Preis: 69 € (UVP) | Bikemarkt: Specialized Butcher Radial kaufen | Bikemarkt: Specialized Eliminator Radial kaufen
Im Detail
Radial-Reifen: Den Begriff dürften viele Mountainbiker inzwischen kennen. Doch was ist damit eigentlich gemeint? Im Gegensatz zum Autoreifen wird damit im MTB-Bereich ein anderer Winkel der Gewebelagen im Reifen zur Fahrtrichtung bezeichnet. Weder die Radial-Reifen von Schwalbe noch von Specialized setzen auf ein wirklich radial verlegtes Gewebe – stattdessen sind die Winkel hier einfach etwas größer als die bisher üblichen 45–50°. Specialized hat bereits vor einigen Jahren ein eigenes Entwicklungslabor für Reifen samt Fertigungsmöglichkeiten in NRW aufgebaut (zum Hausbesuch der S-Works-Reifenfabrik) und dort nach eigenen Angaben verschiedenste Lagen-Winkel im Labor und mit erfahrenen Testfahrern auf dem Trail getestet.
Der gewählte Winkel soll nun zwar größer sein als bei bisherigen Grid Gravity-Reifen, mit etwa 60° allerdings nicht zu groß: Grund ist, dass man eine erhöhte radiale Nachgiebigkeit erreichen wollte, die in mehr Auflagefläche des Reifens mündet, ohne ihn seitlich zu weich zu machen. Letzteres würde in einem schwammigen, undefinierten Fahrverhalten, insbesondere in Kurven, münden. Zudem gibt Specialized an, dass sich der Reifendruck mit der radialen Karkasse unterschiedlich auf die beiden Sorten Steifigkeit auswirkt: Mit steigendem Druck soll die translatorische mäßig steigen, die radiale sehr rapide.
Die neue radiale Karkasse soll so ausgelegt sein, dass man beim selben Reifendruck wie bisher 30 % mehr Auflagefläche (weniger radiale Steifigkeit) gegenüber der normalen Grid Gravity-Karkasse hat, aber nur 7 % weniger laterale Steifigkeit. Specialized vergleicht die Reifen mit denen eines Wettbewerbers – die Rede kann nur von Schwalbe sein – und verspricht in etwa dieselbe seitliche Steifigkeit bei 0,3 bar weniger Druck. Bei derselben Druck-Differenz hätte der Specialized-Reifen zudem eine größere radiale Nachgiebigkeit. Die Botschaft ist klar: Bei Schwalbe-Reifen muss man bekanntlich den Druck anheben, was den Radial-Vorteil wieder teilweise beseitigen soll. Bei Specialized soll man denselben Druck wie bisher fahren und so alle Vorteile der neuen Karkasse genießen können.
Mehr Auflagefläche klingt zwar nach mehr Grip, aber auch nach mehr Rollwiderstand. Laut Specialized-Entwicklern ist das auch so – auf einer Prüfwalze oder auf Asphalt. Tatsächlich sollen Fahrrad-Reifen einst eher 55° Gewebewinkel gehabt haben, bis Labor-Prüfungen dazu führten, diesen zugunsten des Rollwiderstands zu senken. In Praxis-Tests, aber auch auf einem speziell gebauten, unebenen Laufband will Specialized nachgewiesen haben, dass die radial orientierte Karkasse hier besser abschneidet, da sie Unebenheiten besser wegbügelt.
Specialized Butcher Radial – auf dem Trail
Für den Test hat Specialized mir wenige Wochen vor der offiziellen Markteinführung einen Satz Butcher Radial in Mullet-Konfiguration zugesandt. Ich konnte diese an einem Specialized Stumpjumper Fox Coil Alloy (Test) verbauen, wo sie die originale Eliminator (Gravity)/Butcher (Trail)-Kombination der alten Baureihe abgelöst haben. Die verschiedenen Profile und die dünnere Karkasse vorn machen die Vergleichbarkeit schwieriger – allerdings konnte ich schnell feststellen, dass sich die Radial-Reifen so anders fahren, dass ich trotzdem einiges dazu sagen kann.
Wäre da nicht der kleine Radial-Schriftzug am Logo, könnte man beim Auspacken der Reifen nicht sagen, dass es sich um eine andere Karkasse handelt. Die Reifen lassen sich wie gewohnt tubeless montieren und fühlen sich dabei auch recht gewöhnlich an. Die vergrößerte Auflagefläche macht sich auch zugleich beim Losrollen vor der Haustür mit meinem gewohnten Luftdruck (1,7/1,8 bar) bemerkbar: Der Butcher Gravity T9 ist ohnehin kein Rezept für einen geringen Rollwiderstand – mit Radial-Karkasse umso weniger. Trotz Fox Live Valve Neo-Fahrwerk (Test) geht’s mit dem Stumpjumper auf Asphalt recht zäh voran. Das wird auf Waldwegen tatsächlich besser, wobei sich die dicke Gravity-Karkasse immer noch etwas kaugummiartig anfühlt. Ein Eliminator T7/T9 Radial am Heck könnte sicherlich etwas helfen und wäre – ohne es testen zu können – mein Tipp für alle Tourenfahrer.
Noch viel bemerkbarer macht sich die neue Radial-Karkasse auf dem Weg nach unten: Alles fühlt sich recht gedämpft an, die Reifen verspringen so gut wie gar nicht und der Kurvengrip ist beeindruckend. Man sieht sogar rein optisch, dass das Stumpjumper ruhiger aufliegt, weniger nach oben oder seitlich abgelenkt ist und einfach wie auf Schienen fährt. Ich bin größtenteils bei idealen Bodenbedingungen unterwegs gewesen und habe mich hier schwergetan, das Grip-Limit der Reifen zu finden. Die Linie versaut und viel zu weit innen in die Kurve rein? Egal, der Grip ist da, einfach einlenken! Auch kurze nasse Passagen, die es auf den Trails immer wieder gab, haben die Reifen nicht groß erschüttert, weshalb ich davon ausgehe, dass sie auch bei Nässe beeindruckend funktionieren.
Doch wie schaut es mit dem Seitenhalt aus – dieser soll ja fast identisch zum Standard-Reifen sein? Generell sind die Specialized Gravity-Reifen nicht die lateral steifsten, und der Butcher wäre trotz starker Verbesserungen seit dem letzten Modell-Update (Specialized Butcher/Eliminator-Test) nicht meine erste Wahl, wenn ich nur Highspeed-Bikepark-Anlieger ballern und shralpen wollte – hierfür bietet sich der Specialized Cannibal (Test) an. Als Allround-Reifen mit Hang zu etwas loseren Böden ist er jedoch eine hervorragende Wahl und hat auch in der Radial-Version wenige Schwächen gezeigt. Ich bin sehr schnelle, enge Hardpack-Anlieger damit gefahren und konnte nicht provozieren, dass die Radial-Reifen böse schmieren oder gar umknicken.
Es bleibt aber ein etwas gedämpftes, entkoppeltes Gefühl, weshalb ich die Reifen eher im normalen Trail- und Enduro-Einsatz sehe und nicht am DH-Bike oder auf der Bikepark-Jumpline – was auch Specialized explizit kommuniziert. Auch der Rollwiderstand spielt hier wieder eine Rolle – in flachen Bikepark-Sektionen, wo man durch Pumpen und Pushen Speed erzeugen möchte, fällt dieser bei unverändertem Luftdruck durchaus negativ auf. Aufgrund dessen habe ich den Luftdruck um 0,2 bar auf 1,9/2,0 bar angehoben und bin eine Tour gefahren. Der Rollwiderstand ist sofort viel besser, die Reifen fühlen sich fast wie normale Reifen an, wobei die radiale Steifigkeit immer noch deutlich geringer sein sollte. Leider verpufft erwartungsgemäß auch ein spürbarer Teil der Grip-Vorteile: Sie fühlen sich etwas steif und harscher an. Nicht direkt schlecht, aber auch nicht mehr viel besser als ein Standard-Reifen. Ich würde wohl eher am Heck 0,1 bar hochgehen, den Druck vorn identisch lassen und damit leben, dass ich bergauf nun ein paar mehr Watt trete, aber bergab fahre wie auf Schienen.
Im Vergleich – Specialized Radial vs. Schwalbe Radial
Ich konnte aufgrund des kurzen Testzeitraums keinen direkten Vergleich zwischen Specialized und Schwalbe Radial-Reifen machen, bin letztere in den letzten 1,5 Jahren allerdings immer wieder gefahren – nicht zuletzt bei unserem Enduro-Bike-Vergleichstest 2025. Bei Schwalbe muss man ganz klar den Luftdruck deutlich anheben – bei mir um 0,3 bar jeweils. Ansonsten fühlen sich die Reifen sowohl seitlich als auch radial sehr schwammig an, zudem wird der Rollwiderstand ebenfalls recht hoch. So krass wie beim Butcher ist dieser mir bei Schwalbe noch nicht aufgefallen, allerdings bin ich meist Magic Mary/Albert mit Gravity-Karkasse und hinten härterer Soft-Mischung gefahren, während mein Specialized-Setup wohl eher 2x Magic Mary in Super Soft entsprechen würde.
Mein erster Eindruck ist, dass die Specialized Radial-Reifen etwas alltagstauglicher sind: Ich habe sie größtenteils als extrem gut, auf Hardpack als gut und nur beim Pedalieren oder Rollen auf glatten Böden als nachteilig empfunden. Die Schwalbe Radial-Reifen hingegen empfinde ich zwar auf sehr losen, sogar gerölligen Untergründen als spürbar vorteilhaft, im normalen Trail-Einsatz jedoch nicht als Must-have.
Das ist uns aufgefallen
- Rollwiderstand Dieser ist auf glatten, harten Böden nicht ohne – wobei der superweiche Grid Gravity T9-Butcher schon keine gute Ausgangsbasis dafür war. Etwas mehr Luftdruck hilft, killt aber einen Teil des Radial-Vorteils. Zumindest an der Front würde ich ihn nicht gegenüber dem normalen anheben, am Heck vielleicht sehr moderat. Für einen Tag im Bikepark kann es sich lohnen, 0,2 bar hochzugehen, für ein weniger träges Rollverhalten.
- All the Grip Fast schon wie cheaten – bei idealen Bodenbedingungen kleben die Reifen bei meinem gewohnten Luftdruck am Boden wie nichts, was ich vorher erlebt habe.
- Pannensicherheit Wer den Schöckl kennt, weiß, dass dieser Berg voller scharfkantiger Steine ein Materialfresser ist. Die Specialized Radial-Reifen haben einen Test-Tag dort trotz Durchschlägen schadlos überstanden. Der Durchschlag-Schutz soll jedoch etwas schlechter als mit Standard-Karkasse sein, weshalb diese der Tipp für DH-Fahrer bleibt.
- Verschleiß Die Radial-Reifen hatte ich nur wenige Wochen, allerdings sind die Gummimischung und das Profil unverändert. Im Enduro-Einsatz habe ich bereits viel Erfahrung mit dem regulären Butcher gesammelt – ich würde die Haltbarkeit als durchschnittlich bis gut bezeichnen.
Fazit – Specialized Butcher Radial
Grip – wer braucht ihn nicht? Mit den neuen Specialized Radial-Reifen bekommt man jedenfalls massig davon. Zudem macht sich die radiale Nachgiebigkeit und größere Auflagefläche in einer hervorragenden Dämpfung bemerkbar – die Reifen verspringen viel weniger und sind extrem spurtreu bei ausreichend seitlicher Steifigkeit. Wo Licht ist, ist allerdings auch (etwas) Schatten: Der Rollwiderstand auf glatten Böden ist nennenswert! Mehr Luftdruck hilft, macht aber den Grip-Vorteil teilweise wieder zunichte.
Testablauf
Specialized hat uns drei Wochen vor der Vorstellung einen Satz Specialized Butcher Radial-Reifen für Mullet-Bereifung geschickt. Diese haben wir an einem Specialized Stumpjumper Alloy verbaut.
Hier haben wir die Specialized Butcher Radial-Reifen getestet
- Schöckl, Österreich: Trailpark mit äußerst ruppigen, anspruchsvollen Strecken. Viele Wurzeln, teilweise loses Geröll, sehr naturbelassen.
- Graz-Umgebung, Österreich: Hometrails mit unterschiedlichem Charakter. Teilweise eher steil, Lehmboden, Mix aus naturbelassen und gebauten Anliegern und Sprüngen.
| Körpergröße | 183 cm |
| Schrittlänge | 85,5 cm |
| Oberkörperlänge | 60 cm |
| Armlänge | 61 cm |
| Gewicht | 80 kg |
- Fahrstil
- verspielt
- Ich fahre hauptsächlich
- Downhill, Trail Bikes
- Vorlieben beim Fahrwerk
- ausbalanciert, Gegenhalt über die Feder, Druckstufe eher offen, mittelschneller Rebound
- Vorlieben bei der Geometrie
- eher kurz, hoher Stack, ausgewogener Sitz- und Lenkwinkel

