Cyclingworld vs. Eurobike: Die Frage, die keiner so richtig stellen will
Mitte März in Deutschland. Normalerweise stecken wir da noch zwischen Nieselregen und Dauergrau fest. Und die miesen Branchennews der letzten Monate machten keine wirkliche Laune – die Radindustrie taumelt wie benommen irgendwo zwischen vorsichtigem Optimismus und latentem Kater. Diesen März war alles anders, und das merkte man schon am Blick aus dem Fenster. Der Frühling klopfte schon und die kurzen Bib Shorts im Schrank zappeln bereits nervös. Und dann stehst du plötzlich auf der Cyclingworld in Düsseldorf – Sonne im Gesicht, Kaffee in der Hand, überall Leute, die Bock haben. Keine aufgesetzte Messe-Performance, kein steifes Pflichtprogramm. Einfach Szene.
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Ein Event, das der Branche neues Leben einhaucht
Was hier in den letzten Jahren passiert ist, kann man nicht mehr kleinreden. Die Cyclingworld hat sich aus der Nische rausgeschraubt und ist inzwischen eine echte Größe. 35.000 Besucher, 500 Marken, massiv mehr Testfahrten. Aber die Zahlen sind fast nebensächlich. Entscheidend ist das Gefühl: Die Bike-Szene lebt wieder.
Und zwar nicht nur auf dem Papier. In Gesprächen haben sich die Eindrücke immer wieder gedeckt: gute Kommunikation zwischen allen Beteiligten, ungewöhnlich viele neue Kontakte, echter Austausch auf Augenhöhe, eine herrliche Koexistenz von Endverbraucher und Fachbesucher. Einige sprechen sogar von ihrer bislang besten Messe – inklusive konkreter Geschäftsabschlüsse. Und das auf einem Event, das ursprünglich als regionale Endverbrauchermesse gestartet ist.
Vom kleinen Regionalformat zur echten Größe
Rückblickend wirkt der Name fast wie ein Statement. „Cyclingworld“ klang am Anfang eher nach einer großen Idee als nach Realität. Ich erinnere mich noch gut an die erste Ausgabe: eine Halle, nicht einmal komplett gefüllt, und wir mittendrin mit einem ziemlich selbstbewussten RANDOM-Stand. Schwer vorstellbar damals, wohin sich das entwickeln würde.
Dann kamen Pandemie, Marktkrise, allgemeine Verunsicherung. Eigentlich keine Phase, in der solche Formate wachsen. Und trotzdem steht die Cyclingworld heute stabiler da als je zuvor. Das ist bemerkenswert.
Warum Düsseldorf liefert – und Frankfurt strauchelt
Während am Main die Stimmung eher schwerer wird, wurde am Rhein die Radsportwelt so zelebriert, wie sie sich selber am liebsten sieht – nahbar und hierarchisch flach.
Denn genau da liegt vielleicht der Unterschied: In Düsseldorf spricht man nicht entweder mit Handel oder mit Endkunde. Man spricht mit beiden. Gleichzeitig. Ungefiltert. Direkt.
Und das tut einer Branche gut, die sich in den letzten Jahren immer weiter in eigene Parallelwelten aufgeteilt hat.
Wenn du dir im Gegenzug anschaust, was aus der Eurobike geworden ist, wird’s fast schon unangenehm.
Der Umzug nach Frankfurt sollte alles besser machen. Zentraler, größer, internationaler. In der Theorie sinnvoll. In der Praxis: steril.
Die Eurobike in der Identitätskrise
Teures Gelände, teure Hotels, teure Logistik. Dazu ein System, in dem du dir Meetingräume buchen kannst, ohne überhaupt einen Stand zu haben. Klingt erstmal effizient – führt aber dazu, dass am Ende ein paar wenige die eigentliche Messe finanzieren, während andere sich elegant drumherum bewegen.
Der Rest ist ein klassischer Teufelskreis.
Dazu kommt: wirkliche Produktneuheiten? Fehlanzeige. Jeder kocht sein eigenes Süppchen, macht Dealer Days, Hausmessen, Invite-only-Events. Alles irgendwie nachvollziehbar – aber komplett fragmentiert. Für Händler kaum noch sinnvoll abzudecken. Für Endkunden sowieso unsichtbar.
Der Spirit, den die Eurobike früher mal hatte – spätestens seit dem Abschied aus Friedrichshafen ist er weg.
Und jetzt steht da plötzlich Düsseldorf im Raum.
Kann die Cyclingworld zur neuen Leitmesse werden?
Könnte die Cyclingworld die neue Leitmesse werden? Vielleicht sogar die „neue Eurobike“?
Die ehrliche Antwort: Sie könnte.
Die wichtigere Frage: Sollte sie?
Denn genau hier wird es spannend.
Zwischen Wachstum und Identität: ein schmaler Grat
Das Areal Böhler hat Charme, keine Frage. Industrie, Backstein, kurze Wege, gute Energie. Aber es ist auch jetzt schon am Limit. Parken ist schwierig, die Verkehrsanbindung angespannt, Expansion kaum möglich. Und es ist ein aktives Industriegebiet – längere Messezeiten oder zusätzliche Tage sind schlicht unrealistisch.
Wenn die Cyclingworld weiter wächst, muss sie sich entscheiden: skalieren oder Charakter behalten.
Mehr Fläche, mehr Struktur, mehr Business – das wäre der logische nächste Schritt. Aber genau das ist auch der Moment, in dem viele Events ihren Kern verlieren. Plötzlich wird aus „Szene“ wieder „Messe“.
Und das will eigentlich keiner.
Warum die Szene genau dieses Format braucht
Vielleicht liegt die Stärke der Cyclingworld genau darin, dass sie nicht alles sein will. Dass sie nicht versucht, jede Funktion abzudecken, sondern einfach ein Ort bleibt, an dem sich die Szene ehrlich trifft.
Der Versuch mit dem „Urban Hub“ in der Innenstadt ging ja schon in die richtige Richtung. Gute Idee, aber noch nicht richtig gezündet. Vielleicht braucht genau sowas einfach Zeit – oder ein noch klareres Konzept. Der Streik im ÖPNV hat hier sicherlich auch nicht geholfen.
Eurobike: am Wendepunkt – oder am Abgrund?
Unterm Strich bleibt: Die Cyclingworld funktioniert. Und zwar gerade deshalb, weil sie sich anders entwickelt hat als die klassischen Formate.
Und die Eurobike?
Sagen wir es vorsichtig: Sie ist aktuell weit weg von ihrer früheren Relevanz und steckt in einer Kaskade an Absagen. Erst waren es die großen Verbände, dann ein paar große Marken und jede neue Absage zieht weitere Kandidaten mit sich. Wie eine Lawine in der Frühjahrsonne.
Heißt das, sie ist tot? Nicht unbedingt. Aber sie ist in einer Phase, in der sie sich neu erfinden müsste – und das wird nicht einfach. Eine europäische Leitmesse verdient ihren Status durch Relevanz – nicht durch ihre Preisstruktur. Was wäre denn mit der Idee, dass sich die Top-10-Bike-Brands dazu freiwillig verpflichten, auf der Eurobike ein neues Modell zu präsentieren?! Das wäre ein echtes mediales Highlight und würde genau diese neue Relevanz schaffen.
Fazit: Die Branche scheint wieder in Bewegung zu kommen.
Und vielleicht ist genau das die eigentliche Story hinter allem:
Nicht, welche Messe „gewinnt“. Sondern dass wieder etwas passiert.
Dass Leute rausgehen, sich treffen, Bikes fahren, Ideen austauschen.
Dass sich das Ganze wieder nach Szene anfühlt – und nicht nach Pflichttermin.
Hoffen wir, dass genau dieser Spirit bleibt.
Was ist deine Meinung – wie geht es weiter mit den Bike-Messen in Deutschland? Was wäre dein Vorschlag?
Dennis „Düse“ Stratmann ist Mountainbike-Urgestein, Ex-Profi und kreativer Kopf hinter der Kamera. Nach Jahren im Downhill-Rennzirkus – unter anderem Mitglied der Nationalmannschaft – hat er sich als Fotograf, Filmer und Industrial-Designer etabliert. Mit seinem Projekt proshooto.com dokumentiert er die MTB-Szene mit Leidenschaft und ästhetischem Blick. Außerdem ist er Podcaster („Hot Seats & Cold Brews“) und Markenbotschafter bei Giant Deutschland. Seine langjährige Erfahrung in der Bike-Branche und seine technische Expertise machen ihn zu einer festen Größe in der MTB-Welt.
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