Von XC bis DH: Was eint den Mountainbikesport?
Die einen stürzen sich steile Klippen in Utah hinunter, für die anderen geht es nach Feierabend einfach auf eine Runde in den Wald: Der Mountainbikesport wird oft sehr unterschiedlich ausgelebt. Und damit sind nicht nur die Unterschiede zwischen Amateuren und Pros gemeint: Auch innerhalb einer Leistungsklasse sieht Mountainbiken oft ganz anders aus. Trotz dieser Differenzen bezeichnen wir uns alle aus gutem Grund als Mountainbiker. Was eint also diesen Sport? In diesem Artikel sieht sich unser Autor Lukas viereinhalb Antworten näher an.
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Ist es das Naturerlebnis?
Anfangen will ich mit etwas, das für mich einfach zum Mountainbiken dazugehört: dem Naturerlebnis. Mountainbiken spielt sich draußen in der Natur ab, es braucht dazu eine gewisse Menge an Höhenmetern – und wo man Höhenmeter findet, sind szenische (Mittel-)Gebirgspanoramen meist nicht weit entfernt. Dabei braucht es die große Kulisse gar nicht: Eine entspannte Feierabendrunde im angrenzenden Stadtwald kann genauso eine richtige Flucht aus dem Alltag sein – denn Natur beruhigt und besitzt einen Wert an sich.
In eine Landschaft einzutauchen, zu sehen, wie sich die Umgebung im Verlauf der Tour ändert, und natürlich schöne Ausblicke – all das motiviert mich, Mountainbiken zu gehen. Mehr noch als etwa ein Rennrad erlaubt es das Mountainbike, die weißen Flecken auf der Karte zu erschließen und der Natur näherzukommen.
Allerdings muss ich zugeben: Naturerlebnis ist nicht alles. Wenn ich im Bikepark aus der Gondel steige, habe ich selten einen Blick für das Panorama übrig – die nächste adrenalingeladene Abfahrt wartet bereits (außerdem sind Bikeparks mit ihren grasigen Narben in der Bergflanke oft gar nicht so schön anzusehen). Mehr noch: Wenn während eines Rennens das Laktat in den Beinen brennt und der Tunnelblick nur noch den Fokus auf den Vordermann oder die Ideallinie zulässt, dann bleibt das Naturerlebnis außen vor. Den gemeinsamen Nenner für alle Mountainbiker haben wir also noch nicht gefunden.
Der Wettkampfgedanke?
Ein Ort, der Mountainbiker versammelt, ist die Start- oder Ziellinie bei einem Rennen. Egal ob bei einem Downhill-, Enduro-, Cross-Country- oder Marathon-Rennen – für viele Fahrer stellt der Wettkampf eine große Motivation dar. Auch wenn ich selbst erst ein einziges (Spaß-)Rennen bestritten habe, weiß ich: An der Startlinie verbinden die Stresshormone, die den Körper fluten, alle Fahrer. Und abseits von offiziellen Zeitrichtern können wir uns um die schnellsten Strava-Zeiten, die meisten Höhenmeter oder die längsten Strecken batteln. Wem der Wettkampf gegen andere nicht liegt, der führt womöglich ein Rennen gegen sein altes Selbst von der letzten Trainingseinheit.
Dieser Wettkampfgedanke mag eine entscheidende Rolle für viele Fahrerinnen und Fahrer spielen, doch bei weitem nicht für alle! Um wieder aus eigener Erfahrung zu sprechen: Manchmal breche ich einfach nur zu einer gemütlichen Tour mit genügend Snacks im Rucksack auf, oder zu einer entspannten Feierabendrunde, ganz ohne Strava-Aufzeichnung oder Zeitabnahme – vom Wettkampf keine Spur.
Die Jagd nach Adrenalin?
Jedes Mal, wenn ich auf mein Mountainbike steige, weiß ich, dass mir mein Körper früher oder später einen ziemlichen Adrenalinschub verpassen wird. Mal ist es die Spannung am Traileinstieg, oder die Aufregung, wenn ich eine herausfordernde Schlüsselstelle überwunden habe, oder aber wenn ich in die erste Etappe einer Mehrtagestour einrolle. Der Reiz des Mountainbikens ist dann vollendet, wenn das Adrenalin-High wieder abklingt und feststeht, dass man auch diese Prüfungen erfolgreich bestanden hat.
Doch gilt das für alle Mountainbiker? Auch wenn für viele Fahrer euphorische Erfolgsmomente zum Biken gehören, so gibt es nicht wenige Fahrer, die diesen Kick nicht suchen. Das Beispiel des Genussradlers etwa habe ich schon bemüht, für den die Wochenendtour mehr Flucht aus dem Alltag als nervenaufreibender Adrenalinkick ist. Manchmal schwingen wir uns nur aufs Bike, um den Kopf etwas freizubekommen, und nicht, um das schwierige Feature auf dem Trail zu meistern.
Der Technik-Aspekt?
Ohne sein Arbeitsgerät ist ein Mountainbiker nur ein Wanderer mit ungeeigneten Schuhen, der aus irgendeinem Grund einen Helm trägt und einen Platz für seine Trinkflasche vermisst. Jeden Tag liefert das IBC-Forum weitere Beweise dafür, welch fast schon zwischenmenschliche Beziehungen zwischen einem Fahrer und seinem Material entstehen können. Das Forum lebt davon, dass sich Mountainbiker intensiv mit der Technik hinter ihren Fahrrädern auseinandersetzen wollen. Ist es also die disziplinübergreifende Fachsimpelei, Mountainbiken als gelebte, bewegte Technologie, die uns alle eint?
Auch wenn das IBC-Forum den Eindruck vermittelt, die überwältigende Mehrheit der Mountainbiker sei mit großer Begeisterung bei Technikdiskussionen dabei, so treffe ich doch hin und wieder auf Fahrer, die sich für das Fahrmaterial an sich wenig interessieren. Sie müssen bei der Frage nach dem Bike-Modell, auf dem sie unterwegs sind, erst einmal einen suchenden Blick auf das Unterrohr werfen. Ihnen geht es mehr darum, was man auf einem Mountainbike erleben kann, und weniger um die Technik dahinter. Das Rad als Mittel zum Zweck ist Ermöglicher des Sports, nicht Mittelpunkt. Somit kann also auch der Technik-Aspekt nicht der verbindende Faktor sein, den wir suchen.
Was ist es nun wirklich?
Damit bleibt die Frage vorerst wohl ungeklärt, was den Mountainbikesport eint. Die Suche nach dem gemeinsamen Nenner zeigt aber eines deutlich: Die Motivation hinter dem Mountainbiken kann sehr unterschiedlich ausfallen – und auch die Ausübung selbst ist selten gleich. Wir alle leben den Mountainbikesport oft sehr unterschiedlich aus. Diese Vielfalt sollen wir nie vergessen. Eigene Erfahrungen und Ansichten auf dem Bike oder über Bikes dürfen nicht einfach auf andere Fahrer übertragen werden. Das bedeutet für uns, dass wir den Allgemeinheitsanspruch bezüglich eigener Bike-Vorlieben aufgeben sollten, gerade wenn wir in hitzigen Forumsdiskussionen oder Stammtischgesprächen stecken.
Denn Mountainbiken ist nicht gleich Mountainbiken, sondern gelebte Vielfalt. Unterschiedliche Fahrer können unterschiedliche Präferenzen haben und beim Mountainbiken unterschiedliche Ziele verfolgen. Dass wir uns dennoch alle unter dem Begriff Mountainbiken versammeln, ist nicht bloß historisch bedingt. Es ist auch ein starkes Zeichen dafür, dass wir uns nicht über unsere Differenzen, sondern über die Freude am Mountainbiken identifizieren – wie auch immer dieser Sport für den Einzelnen aussieht.
Epilog
Doch halt – ist es möglich, dass dieser Artikel einen simplen Fakt übersieht? Findigen Foristen fällt sofort auf: Viele Mountainbikes besitzen im Schnitt zwei Laufräder mit breiten Stollenreifen. Ist das etwa das eine Element, welches diesen scheinbar so disparaten Sport eint? Fahren wir alle bloß Bikes mit einem Paar Laufräder und grobstolligen Reifen fürs Gelände? Ist der kleinste gemeinsame Nenner endlich gefunden? Die Freude über diese Entdeckung währt nicht lange – denn in der Konsequenz müssten wir damit auch die Kollegen von emtb-news und – Gott bewahre – sogar die Gravel-Fahrer in die hehren Reihen der Mountainbiker aufnehmen. Vielleicht wäre das doch zu viel der Inklusion für das IBC-Forum ;)
Jetzt ist eure Meinung gefragt: Was eint den Mountainbikesport tatsächlich? Und was motiviert euch dazu, Rad fahren zu gehen?

