Zu Besuch bei SDG in Kalifornien: Wie der Praktikant zum Sattel-Lieferant der MTB-Szene wurde
Zu Besuch bei SDG in Kalifornien: Von der Garagen-Brand zur Sattel-Instanz. Wir haben Tyler, das Hirn und Herz hinter SDG, in seinem Headquarter besucht, mit ihm über die bewegte Geschichte der Marke gesprochen und einen exklusiven Blick auf neue Entwicklungen geworfen.
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Video: Hausbesuch bei SDG
Ankunft bei SDG: Zwischen Cam-Zink-Pickup und Lagerhaus
Amerika, Kalifornien, Huntington Beach. Hier ist eine Marke zu Hause, deren Sättel und Griffe an zahlreichen Bikes weltweit im Einsatz sind: Die Rede ist von SDG Components. Schon bevor wir das versteckt in einem Industriekomplex gelegene Gebäude überhaupt betreten, nehmen wir auf dem fahrbaren Untersatz einer Legende Platz: auf dem Pickup-Truck von Cam Zink. Der Freeride-Superstar ist zufällig ebenfalls vor Ort und sein Truck dient spontan als Sitzgelegenheit für die Anmoderation unseres Videos. Passender könnte der Einstieg in die Welt von SDG kaum sein.
Drinnen empfängt uns Tyler in seinem Büro – Chef, Mitentwickler, Geschichtenerzähler und seit Jahrzehnten das Gesicht der Marke. Von hier aus werden die Fäden des vergleichsweise kleinen, aber weltweit aktiven Unternehmens gezogen. Direkt nebenan: das Lager für den US-Markt. Hier stapeln sich Sättel, Stützen und Griffe, die an Händler, Kunden und OEMs in Nordamerika gehen. Was auf den ersten Blick erstaunlich kompakt wirkt, relativiert sich schnell: Der Großteil der Ware geht direkt aus Taiwan in die Welt – dort betreibt SDG ein eigenes Office mit Lager, Qualitätskontrolle, Engineering und Vertrieb. Von dort aus werden nicht nur Aftermarket-Produkte verschickt, sondern auch die Sättel, die bereits ab Werk an Bikes von Santa Cruz, YT, Cube & Co. geschraubt werden.
Vom Praktikanten zum Besitzer: Tylers Weg mit SDG
Als Tyler Anfang der 2000er-Jahre bei SDG anfängt, ist das eigentlich nur als kurzer Zwischenstopp geplant. Sechs Monate Praktikum im Marketing, ein bisschen Motocross fahren, Studium in Long Beach – mehr nicht. Es kommt anders.
Die Fahrradsparte von SDG liegt zu dieser Zeit ziemlich brach. Der damalige Gründer hat seinen Fokus fast komplett auf Motocross-Sitze verlagert, im Bike-Bereich passiert wenig. Tyler bekommt irgendwann die Aufgabe, alte Sättel aus dem Lager zu verkaufen – gegen einen Dollar Provision pro Stück. Für den 20-Jährigen war das vor allem eins: Spritgeld für den Weg zum Strand.
Aus dem kleinen Nebenjob wird ein Augenöffner: Im ersten Monat verkauft er fast 3.000 Sättel. Gleichzeitig beginnt er, erste Fahrer zu unterstützen, Kontakte zu Distributoren aufzubauen und der Bike-Sparte wieder Leben einzuhauchen. Eine dieser frühen Verbindungen: Gerhard von Cosmic Sports in Deutschland. Tylers geniale Geschäftsidee, eine Ladung Copenhagen-Kautabak ins erste Musterpaket zu packen, geht voll auf. Fortan trudeln aus Deutschland regelmäßig Kautabak … äh … Sattelbestellungen ein.
Über die Jahre wächst daraus ein Netzwerk aus langjährigen Partnern, Fahrern und Freunden. 2009 steht Tyler vor einer Entscheidung: Entweder er übernimmt die Fahrrad-Sparte – oder er geht. Er entscheidet sich für Ersteres, gründet eine neue Firma und kauft die Rechte an Marke, Patenten, Werkzeugen und Lagerbestand der Bike-Division. Mit ungefähr 20.000 Dollar auf dem Konto, einem günstigen kleinen Warehouse (dem heutigen SDG-HQ) und viel Unterstützung von Partnern wie Velo in Taiwan, Cosmic Sports, Silverfish und frühen OEMs wie YT und Cube startet SDG als eigenständige Bike-Marke durch.
Wir haben nie versucht, den schnellen Dollar zu machen. Wir wachsen langsam, investieren alles in bessere Produkte und versuchen, unsere Leute und Partner fair zu behandeln.
Heute gehört SDG zu 100 % Tyler. Es gibt kein Private Equity im Hintergrund, keine anonyme Holding – nur ein kleines, eingespieltes Team in Kalifornien und Taiwan, das sich voll auf das konzentriert, was sie wirklich können: Kontaktpunkte am Bike.
SDG-DNA: Kevlar, Bel-Air & I-Beam
SDG beginnt Anfang der 90er-Jahre nicht mit einem komplett eigenen Sattel, sondern mit einer simplen, aber cleveren Idee: einer Kevlar-Abdeckung, die über bestehende Sättel gezogen wird. Daraus entwickelt sich schnell die erste eigene Sattellinie. Der Name, der seitdem wie ein roter Faden durch die SDG-Historie läuft: Bel-Air. Frühe Bel-Air-Modelle mit Voll-Kevlar-Bezug und soliden Titan-Schienen werden noch in den USA gefertigt: Titanstäbe werden lokal eingekauft, in der eigenen Halle gebogen, mit Bezügen versehen und komplett in Kalifornien montiert. Im Hinterzimmer des Büros entstehen Custom-Sättel mit Animal-Print, Chrom, Samt und allem, was die 2000er-Freeride-Ära so hergibt.
Cam Zink und Kyle Strait sind damals noch Teenager. Ihre Eltern setzen sie bei SDG ab, während im Backoffice Stoff geschnitten, Bezüge genäht und individuelle Designs für die jungen Wilden kreiert werden. Sie gehen mit kleinen Serien extrem auffälliger Sättel nach Hause – perfekt passend zu chaotischen Hardtails der Zeit, Foes-Rahmen und den ersten Rampage-Träumen.
Doch nicht nur Cam Zink und Kyle Strait sind bekannte Gesichter der Marke. Über die Jahre sind so ziemlich alle großen Downhill-Teams schon einmal SDG-Sättel gefahren, von Devinci über Cube bis hin zu YT. Dazu kommen Ikonen wie Greg Minnaar oder Sam Hill mit den speziellen Storm-Sätteln mit zusätzlichen Gummi-Noppen für maximalen Grip auf nassen und ruppigen Strecken. SDG ist aus der Rennsportgeschichte nicht wegzudenken.
Sättel sind eigentlich ein ziemlich langweiliges Produktsegment. Wir versuchen, Funktion mit Charakter zu verbinden – gute Ergonomie, aber eben nicht nur „noch ein schwarzer Sattel“.
Der zweite große Baustein der SDG-DNA ist das I-Beam-System: Statt klassischer Rundstreben nutzt SDG eine zentrale, durchgehende „I-Schiene“ unter dem Sattel, die von einem speziellen Kopf der Sattelstütze geklemmt wird. Das System bringt gegenüber der klassischen Sattelklemmung einige Vorteile mit, fristet seit der flächendeckenden Einführung von Variostützen allerdings ein Nischendasein. Dies könnte sich allerdings zukünftig ändern: SDG hat nämlich schon die nächste I-Beam-Generation in der Pipeline.
Produktentwicklung heute: Kleine Firma, große Visionen
Wer durch die SDG-Räume läuft, merkt schnell: Hier geht es nicht darum, möglichst viele Produktkategorien abzudecken. Es gibt weder Lenker noch Vorbauten noch Bremsen, sondern ein bewusst enger Fokus auf drei Dinge: Sättel, Sattelstützen und Griffe. Alles andere, sagt Tyler, würde das kleine Team nur verzetteln. Stattdessen wird viel Zeit in wenige, sehr durchdachte Projekte gesteckt – von der ersten Idee über Benchmarking, CAD, CNC-Muster, Labortests bis hin zum Feedback der Teamfahrer aus Kamloops, Squamish, UK, Deutschland oder Neuseeland.
Für komplexe Projekte wie die nächste I-Beam-Generation arbeitet SDG zusätzlich mit externen Engineering-Büros wie dem Faction Bike Studio zusammen. Gemeinsam werden Lastenhefte geschrieben, Zielgewichte, Steifigkeit, Testnormen, Kompatibilität und Ergonomie definiert. In Taiwan ist Velo Enterprise – einer der größten Sattelhersteller der Welt – so etwas wie Familie: Gründerin Stella baut seit Jahrzehnten Sättel für nahezu alle großen Marken und unterstützt SDG nicht nur in der Fertigung, sondern auch bei technischen Fragen.
Sneak Peek: Neue I-Beam-Generation, Tellis V2
Richtig spannend wird es, als Tyler und Produktmanager Chris die Tür zum Entwicklungsbereich öffnen und uns erste Prototypen auf den Tisch legen. Los geht’s mit der sicherlich größten Neuheit: der neuen I-Beam-Generation. Diese soll gegenüber der Vorgängervariante sowie der herkömmlichen Sattelklemmung zahlreiche Vorteile bieten. Die neue Variante wird aus geschmiedetem Aluminium gefertigt und setzt auf eine 2-Schrauben-Klemmung. Dies soll eine feinere Winkelverstellung, mehr Steifigkeit und höhere Gewichtsfreigaben erlauben. Zudem soll das neue I-Beam mehr Vor- und Zurück-Verstellweg aufweisen und, ganz wichtig, deutlich mehr dämpfen als der Vorgänger. Gleichzeitig wird bei der Konstruktion auch an Recycling gedacht: Die Beam-Struktur ist verschraubt und lässt sich demontieren, damit verschiedene Materialien getrennt recycelt werden können – ein Detail, das vor allem für den EU-Markt wichtig ist.
Passend dazu gibt’s natürlich auch eine Tellis V2 Dropper mit I-Beam-Option. Das Besondere: Der Stützenkopf ist so konstruiert, dass er sowohl klassische Rundstreben als auch das neue I-Beam-System aufnehmen kann, per wechselbarem Klemmeinsatz. Wer also seinen gewohnten Sattel mit Rails fährt, kann später auf einen I-Beam-Sattel umsteigen, ohne die komplette Stütze zu tauschen. Chris erklärt uns, dass das Thema Stack-Höhe ein echter Knackpunkt ist: Variostützen-Hersteller kämpfen um jeden Millimeter Einbaulänge – wenn dann ein OEM-Sattel mit hohen Sattel-Rails oben drauf sitzt, ist der Vorteil schnell dahin. SDG versucht daher, Sattel und Stütze als Einheit zu denken: flachere Rails am Bel-Air, niedriger Kopf an der Tellis – und in Zukunft eine noch flachere Kombination mit dem neuen Alu-I-Beam.
Dazu kommt ein komplett neuer Premium-Griff, der Elemente älterer SDG-Modelle wie dem Thrice-Grip aufgreift, aber deutlich hochwertiger daherkommt: ovalisiertes Profil, ausgesparter Kern für ein „Push-on“-Gefühl trotz Lockring, verschiedene Zonen aus Mushroom-Struktur, Fingerrippen und softere Kontaktflächen. Die ersten Test-Samples sind bereits weltweit bei Distributoren und Teamridern im Praxistest.
Whistler, Rampage & Co.: SDG in der Szene
SDG ist nicht nur als OEM-Hersteller an zahlreichen Komplett-Bikes vertreten, sondern bemüht sich stets, den engen Kontakt mit Athleten und der Community beizubehalten. So ist die Marke offizieller Sattelpartner des Whistler Mountain Bike Park – alle Leihbikes, Guides und Trailbuilder sind dort mit SDG-Sätteln unterwegs. Ähnliche Kooperationen laufen mit dem Highland Mountain Bike Park und Mountain Creek. Auf der Athletenseite sind Namen wie Greg Minnaar, Sam Hill, Cam Zink, Kyle Strait, Danny Hart oder aktuelle Teams wie Norco untrennbar mit SDG verbunden. Viele Signature- oder Team-Sättel entstehen aus langjährigen Freundschaften – häufig mit extrem kleinen Stückzahlen, manchmal nur 20 Stück für Fahrer, Team und ein paar ausgewählte Shops. Zahlreiche dieser Sättel aus limitierten Auflagen tummeln sich noch als Andenken in Tylers Büro. Besonders stolz ist der Firmenchef auf den Sattel, auf dem Troy Brosnan seinen ersten World Cup-Sieg feiern konnte.
Viele unserer Partnerschaften laufen seit über 20 Jahren. Fahrer werden zu Freunden, Distributoren zu Familie – und genau das macht den Job so besonders.
Spätestens als Tyler uns sein kleines Manifest zeigt, das er während der Pandemie aufgeschrieben hat, wird klar, was SDG antreibt. Der Leitgedanke: Wir sind alle wegen Spaß, Loam und guter Leute im Bike-Business gelandet – nicht wegen Excel-Tabellen. Dies spiegelt sich auch im Firmenmotto „Riding in Good Company“ wider. Statt möglichst viele Kategorien zu besetzen oder aggressiv auf Rabatt zu setzen, versucht SDG, einen anderen Weg zu gehen: langsames, organisches Wachstum, Reinvestition der Gewinne in Entwicklung und Tools, bewusst wenig „Me-Too-Produkte“. Zudem ist Tyler eine enge, transparente Zusammenarbeit mit Distributoren, OEMs und Fahrern extrem wichtig.
Unser Hausbesuch bei SDG zeigt eine Marke, die viel mehr ist als „die mit den wilden Sätteln“. Hinter den Produkten steckt eine Mischung aus einer ziemlich wilden Frühphase mit extravaganten Freeride-Sätteln aus der Garage, einem Chef, der vom Praktikanten zum Eigentümer wurde und einer Szene-Verwurzelung, die von Whistler bis zur Rampage reicht.
Was verbindet euch mit Sätteln von SDG?
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