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Heidelberg: "Hier ist Radfahren etwas für starke Nerven"

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Von Karla Sommer

Heidelberg. Mit Polizeieskorte und Blaulicht sind die "Radentscheider" am Samstag vors Rathaus in der Altstadt gefahren. Grund der Demo mit 180 Radfahrern und Radfahrerinnen war die Übergabe eines Bürgerbegehrens mit 10.800 Unterschriften an den Bürgermeister für Klimaschutz, Umwelt und Mobilität, Raoul Schmidt-Lamontain (Grüne). Und da dieser selbst gern und oft in die Pedale tritt, war anzunehmen, dass er Larissa Weigel und Dominic Egger vom Bündnis "Radentscheid" nicht wesentlich widersprechen würde.

Beide Aktivisten betonten bei der Kundgebung, "dass es so nicht weitergeht" und bezogen ihr Anliegen nicht nur auf mehr Radwege und weniger Autos, sondern auf die gesamtgesellschaftliche Frage: "Wie wollen wir leben?". Darin enthalten ist der Kern ihrer Forderung, nämlich "eine lebenswerte Stadt wie Heidelberg noch attraktiver, gesünder, sicherer und klimafreundlicher zu machen". So formuliert es das Bündnis in seinem acht Punkte umfassenden Bürgerbegehren. Und dieses – die Verfasser ahnen es selbst – wird so, wie es angelegt ist, der juristischen Prüfung nicht standhalten. Der Gemeinderat müsste das Begehren deshalb sehr wahrscheinlich für unzulässig erklären. So sieht es auch Schmidt-Lamontain – und möchte dennoch oder gerade deshalb mit dem Bündnis weiter konkret zusammenarbeiten, was er in seiner Rede auch vertiefte.

Zuvor jedoch beklagte Dominic Egger, dass drei Jahre nachdem Oberbürgermeister Eckart Würzner den Klimanotstand ausgerufen habe, "dieser immer noch nicht in unser Leben getreten ist". "Nicht einmal da, wo unsere Kinder Schutzräume brauchen, ist die Verwaltung bereit, den Autoverkehr rauszunehmen", sagte Egger. Er machte das am Beispiel einer Spielstraße in Wieblingen deutlich. Und um auf das erschwerte Radfahren in Heidelberg einzugehen, plädierte er für einen Neustart bei der städtischen Radverkehrspolitik: "Wir brauchen ein Gesamtkonzept, das einen neuen Qualitätsstandard für Radwege definiert." Dabei "soll die Sicherheit der schwächsten Verkehrsteilnehmer im Mittelpunkt stehen".

Heidelberg, so die Initiatoren des Bürgerbegehrens, sei zwar eine Fahrradstadt, denn ein Drittel aller Wege werde hier mit dem Rad zurückgelegt. Das bedeute aber nicht, "dass ein neunjähriges Kind problemlos von Kirchheim nach Neuenheim radeln kann". "Hier Fahrrad zu fahren, ist etwas für starke Nerven", so Larissa Weigel, die auch bilanzierte: "Wo Fahrradfahren erlaubt ist, ist noch lange kein Radweg." Deshalb sei es eine Mogelpackung, von aktuell 475 Kilometer Radweg auszugehen, denn dabei würden befahrbare Gehwege mitgezählt oder auch die Einbahnstraßen, die in beiden Richtungen für Radler offen sind.

Bei der Übergabe der fünf dicken Ordner mit den Unterschriften an Bürgermeister Schmidt-Lamontain betonte Dominic Egger, dass "nicht alles schlecht war, was wir gemeinsam erreicht haben", doch jetzt fordere man mehr. "Wir brauchen einen Neustart in der Verwaltung", und das in einer neuen Maßeinheit und keinem "Heidel" (Ein Heidel sind im Volksmund fünf Jahre, Anm. d. Red.). "Bisher wurde durch Bürgerbegehren unsere Stadt mitgestaltet", sagte Larissa Weigel. Das erhoffe man sich auch jetzt, wandte sie sich an Schmidt-Lamontain. Der stimmte den Demonstranten in der Forderung nach einer schnellen, komfortablen und sicheren Infrastruktur für Fahrräder zu – "und dies auch, ich sage es ganz bewusst, zulasten der Infrastruktur für das Auto".

Trotz einiger krankheits- und personalbedingter Absagen beim Bündnis "Radentscheid" mangele es nicht "an gemeinsamen Visionen", sagte der Bürgermeister. Die könnten in einem neuen Radverkehrskonzept münden, das dann in den städtischen Verkehrsentwicklungsplan einfließen werde. Für diesen Prozess sei vom Verkehrsministerium Baden-Württemberg eine Stelle für zwei Jahre eingerichtet worden. Die sei bereits besetzt, so Schmidt-Lamontain.

Zusätzlich arbeite man in der Verwaltung derzeit an 54 Maßnahmen zur kurz- und mittelfristigen Umsetzung, sagte der Bürgermeister. Auch wenn das Bürgerbegehren formal nicht zulässig sei, hoffe er, "dass wir unsere Gespräche so konstruktiv wie bisher weiterführen". Schmidt-Lamontain sagte: "Sie haben in der Verwaltung einen Verbündeten." Dann nahm er die fünf Aktenordner und stieg auf sein Lastenfahrrad.

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