Neckar-Odenwald-Kreis: Was sich Radfahrer wünschen und was Kommunen dafür tun
Von Caspar Oesterreich
Neckar-Odenwald-Kreis. Klimaschutz, Corona-Pandemie und horrend steigende Spritpreise: Es hat viele Gründe, dass Radfahren immer beliebter wird. Händler können die hohe Nachfrage – vor allem nach E-Bikes – kaum bedienen. Auch weil Fahrradfahren längst nicht mehr reines Sport- und Freizeitvergnügen ist, sondern mehr und mehr Teil des Alltagsverkehrs wird.
Gerade für Berufspendler im Neckar-Odenwald-Kreis stellen die motorisierten Zweiräder zunehmend eine Alternative zum Auto dar, erleichtern sie doch ungemein das Hoch und Runter auf den Radwegen.
Deren Zustand aber lasse an vielen Stellen im Landkreis noch zu Wünschen übrig, sagt Andreas Größler: "Primär wird der Kfz-Verkehr versorgt. Man gibt immense Summen für Straßen aus – zum Beispiel für die Ortsumgehung Adelsheim mit Brücken und Tunnel –, beim Radverkehr wird aber immer noch gespart." Der Sprecher des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC) im Neckar-Odenwald-Kreis kann zahlreiche "Problemstrecken" für Radler benennen (siehe Hintergrund-Kasten), kritisiert schlecht beschilderte und sanierungsbedürftige Verbindungen zwischen einzelnen Gemeinden ebenso wie "Zick-zack-Führungen über Feld- und Waldwege".
Schotter, Pfützen und Matsch
Außerorts sieht Größler bei "der schlechten, teils gefährlichen Oberflächenstruktur mit Schotter, Pfützen, Matsch und Furchen" wie etwa im Kirstätter Tal in Obrigheim Verbesserungsbedarf. Innerorts seien zu schmale und unübersichtliche Radwege wie beispielsweise der Elzweg in Mosbach, unsichere, verschmutzte und nur auf die Straße aufgemalte Radwege (etwa entlang der Mosbacher Straße) oder unterbrochene Wegführungen wie in Neckarmühlbach das Problem. "Es geht auch um die Umverteilung von Verkehrsraum. Nur wenn man sich als Radler sicher fühlt, wird der Umstieg vom Auto nachhaltig gelingen."
Eine Meinung, die auch Ganzjahresradfahrer Hans-Detlef Ott teilt. Aufs eigene Auto verzichtet der Sozialarbeiter schon lange, pendelt zwischen Aglasterhausen und Mosbach stets mit dem Rad zur Arbeit. "Zum zweiten Mal nach 2008 wurde die B 292 auf der Höhe Aglasterhausen saniert. Kurz nach dem zweiten Facelift musste die schadhafte Markierung erneuert werden. Zeitgleich nennen sich immer noch einige Schotter-, Schlamm- und Schlaglochpisten im Landkreis ,Radwege’", kritisiert der grüne Kommunalpolitiker. An Wochenenden würden die Schotterpisten von Mountainbikern genutzt, an Werktagen aber von Pendlern weitestgehend gemieden.
Fördergeld von Bund, Land und Kreis
"Dabei scheint Geldmangel nicht einmal das größte Problem zu sein", sagt Ott. "Selbst der Bund hat endlich im Rahmen des Radverkehrsplans das Potenzial des Radverkehrs entdeckt und erkannt, dass es dafür vor allem sichere Radwege braucht. Die Landesregierung lockt seit mehr als einem Jahrzehnt großzügig mit Geld, und selbst der notorisch klamme Landkreis legt noch was obendrauf."
Seit 2014 fördert der Neckar-Odenwald-Kreis den kommunalen Radwegebau. "Die veranschlagten Mittel lagen seither immer bei 200.000 Euro pro Jahr", erklärt Marco Schölch, stellvertretender Leiter Straßenbau im Landratsamt. Über die Förderprogramme von Bund oder Land könnten sich die Kommunen bis zu 50 Prozent der Kosten bezuschussen lassen; zusammen mit den Mitteln des Kreises seien sogar bis zu 75 Prozent drin. "Dies soll auch weiter so bleiben", sagt Schölch. Auch wenn der Fördertopf des Kreises von den Gemeinden bisher nicht immer vollständig geleert, es je nach vorhandenen Projekten auch Jahre gab, in denen die Summe gar nicht abgerufen wurde, sei dem Kreis der Radwegeausbau wichtig.
Auch im Nachbar-Landkreis Heilbronn nimmt der Radverkehr einen immer höheren Stellenwert ein. Eben erst wurde dort beschlossen, 30 Prozent der Planungskosten beim Radwegebau der Kommunen zu übernehmen, sofern die Pauschale von Bund oder Land dafür nicht ausreicht.
Zahlreiche Investitionen geplant
Schon länger engagiert sich Landrat Dr. Achim Brötel gemeinsam mit Landwirtschaftsminister Peter Hauk und der CDU-Generalsekretärin Isabell Huber für die Sanierung des Schefflenztalradwegs an der L 526 (wir berichteten). Und erst kürzlich stimmte der Ausschuss für Wirtschaft, Umwelt und Verkehr einstimmig für eine Kooperation mit der Gemeinde Waldbrunn beim Bau eines Radwegs entlang der K 3926 von Waldkatzenbach nach Strümpfelbrunn. Für 2022/2023 plant der Kreis überdies im Zuge der Sanierung einen neuen Radweg an der K 3969 zwischen Waldauerbach und Schloßau – für 275.000 Euro. Gar 752.000 Euro sollen für einen Radweg an der K 3917 zwischen Hollerbach und Oberneudorf bis zur L 523 investiert werden.
Ganz aktuell – noch bis Freitag – werden Betonschutzwände entlang des Radwegs an der B 37 zwischen Zwingenberg und Neckargerach aufgestellt, um den Schutz der Radfahrer zu verbessern. Laut Regierungspräsidium Karlsruhe kostet die Maßnahme insgesamt rund 720.000 Euro.
Auch in Mosbach und Buchen, den zwei größten Städten im Kreis, ist der Radverkehr längst Thema in den Rathäusern. Buchen will in den nächsten zwei Jahren 2,1 Millionen Euro in die Hand nehmen, um fahrfreundlicher zu werden. In Mosbach entwickelt gerade eine Arbeitsgruppe das alte Radverkehrskonzept von 2009 weiter. Neben Stadtverwaltung, Polizei und Ordnungsamt sitzen der ADFC, ein Schüler vom Auguste-Pattberg-Gymnasium, radbegeisterte Bürger sowie eine Person mit einer Sehbehinderung am Tisch.
Es gibt viel zu diskutieren
Einigkeit herrscht dort allerdings nicht: Während Andreas Größler vom ADFC etwa eine Asphaltierung der Mosbacher Wanderbahn fordert, erachtet Stadtplaner Klaus Kühnel eine Flächenversiegelung als kontraproduktiv. "Die Wanderbahn verläuft großteils im Wald, wird auch von schweren und breiten Waldfahrzeugen befahren, die den Asphalt schädigen würden, was wiederum Folgekosten nach sich ziehen würde." Viel drängender sei da etwa die Frage, wie sich die Waldstadt durch einen Radweg anbinden lasse. Es gibt also noch einiges zu diskutieren, wenn sich die Arbeitsgruppe zu ihrer nächsten Sitzung am 6. Dezember trifft. Im Frühjahr 2022 ist zudem eine Bürgerbeteiligung geplant, um auch die breite Öffentlichkeit am neuen Radverkehrskonzept zu beteiligen.
Es bestehe ein "großer Wille sowohl auf der Ebene der Kommunen als auch des Kreises, Lücken im Radwegenetz zu schließen, um das Radfahren im Alltag wie auch zu touristischen Zwecken noch attraktiver zu machen", betont Landratsamtssprecher Jan Egenberger. "Dass dies nicht überall gleichzeitig möglich ist, liegt zum einen an planerischen Voraussetzungen, aber natürlich auch an den hohen Kosten solcher Bauprojekte."
Mehr als Freizeitvergnügen
Die hohen Kosten wollen Ott und Größer mit Blick auf die Förderprogramme als Argument jedoch nicht wirklich gelten lassen. Das Grundproblem bestehe darin, dass der Radverkehr in den Gemeinden als Sport- und Freizeitvergnügen, nicht aber als Teil des Alltagsverkehrs wahrgenommen werde, betonen sie. "Es passen immer noch mehr Autos in die Innenstädte, und Parkplätze finden sich gratis und unsanktioniert auf Geh- und Radwegen", kritisiert Ott. Vor allem aber der Radweg durchs Kirstätter Tal ist ihm ein Dorn im Auge, weil Obrigheim seine Millionen lieber bei Banken parke, "anstatt mit satten Zuschüssen in eine zukunftssichere Infrastruktur zu investieren".
Man sei durchaus bereit für eine Aufwertung des besagten Radweges, "wenn das der Wunsch der Bürger und Anlieger im Gewerbegebiet auf der Asbacher Höhe ist", sagt Obrigheims Bürgermeister Achim Walter. Aus den gleichen Gründen wie sie Stadtplaner Klaus Kühnel für die Wanderbahn anführt, sieht Walter eine Asphaltierung des Weges durchs Kirstätter Tal jedoch nicht als geeignet an.
Ganzheitliche Konzepte nötig
Infrastrukturmaßnahmen für den Radverkehr seien in vielen Rathäusern ein Thema, erklärt Thomas Ludwig, Bürgermeister in Seckach und Kreisvorsitzender des Gemeindetages. "Die Kommunen unterstützen das, wo sie können." Da man es im Kreis häufig mit kombinierten Wald- und Radwegen zu tun habe, sollten gemeinsam Kriterien festgelegt werden, was einen guten Weg ausmache. "Die einen wollen Asphalt, die anderen keine Flächenversiegelung." In den bebauten Tälern bestehe überdies Platzmangel, was den Bau neuer Radwege einschränke.
"Es ist ein vielschichtiges Thema, aber der Stellenwert des Radverkehrs steigt, so viel ist sicher", sagt Ludwig. Das E-Bike eröffne neue Möglichkeiten: "Da fährt man nicht nur gerne bergab ins Tal – nach Feierabend ist der steile Weg nach Hause auch kein Problem mehr". Damit die Mobilitätswende gelingt, brauche es ganzheitliche Konzepte, meint Ludwig. "Dafür müssen wir auch beim ÖPNV ansetzen." An den Bahnhöfen und Haltestellen müssten Fahrradboxen aufgestellt werden. "Niemand will sich im Büro Sorgen um sein teueres E-Bike machen müssen, das den ganzen Tag unter freiem Himmel am Bahnhof steht."

