Weinheim: "Wir konnten viele Kunden nicht bedienen"
Von Thomas Veigel
Weinheim. Vor 22 Jahren machte sich Micha Wagner mit "Radsport Wagner" selbstständig – mitten in einem Wohngebiet in der Weinheimer Weststadt, in einem ehemaligen Lebensmittelgeschäft. Das Prinzip der kurzen Wege für die Kunden ist aufgegangen – viele Weststädter kaufen seit 20 Jahren hier die Fahrräder für sich, ihre Kinder und mittlerweile auch für die Enkel. Und lassen sie hier auch reparieren. Die Kunden kommen mittlerweile aber auch aus Karlsruhe, Mannheim und aus anderen Städten, sogar aus dem Ausland. Micha Wagner ist auch bei den Profis aktiv, macht bis heute den Service für den Iron Man Hawaii-Gewinner von 2014, Sebastian Kienle und für andere Triathleten wie Norman Stadler, Timo Bracht oder Laura Philipp. Mit dem Geschäft ist auch die Zahl der Mitarbeiter gewachsen. Mit drei Mitarbeitern begann Micha Wagner, heute sind es zehn. Die RNZ sprach mit ihm über die Entwicklung des Fahrrad-Booms und das Geschäft in Zeiten der Pandemie.
War das vor gut 20 Jahren nicht eine verrückte Idee, mit einem Fahrradladen in ein Wohngebiet am Rand der Stadt zu gehen?
Meine Idee, in ein Wohngebiet zu gehen, war in jedem Fall atypisch. Aber der Plan hat sich als richtig erwiesen: Zu uns verläuft sich niemand. Wer zu uns kommt, will ein Fahrrad kaufen: 95 Prozent der Leute, die zu uns kommen, tun das auch. Von Anfang an. Die haben vor 20 Jahren das erste Rad für ihr Kind gekauft und jetzt kaufen sie es für die Enkelin. Das ist schön und für mich eine Freude. Wir leben hier mit den Leuten in guter Nachbarschaft.
Wie hat sich die Kundenstruktur verändert?
Mit den Triathlon-Profis wurde die Kundschaft vor über zehn Jahren überregional und sogar international. Die Bandbreite der Kundschaft spiegelt sich auch im Produktspektrum: Wir verkaufen und reparieren alle Fahrradtypen, vom Kinderrädchen über Premium-Marken bis zum High-End-Bike im fünfstelligen Euro-Bereich.
Haben Sie als stationärer und damit vom Lockdown betroffener Händler im vergangenen Jahr dennoch vom Fahrrad-Boom profitiert?
Im ersten Lockdown haben wir die Fahrräder bei den Kunden zur Reparatur abgeholt. Service ist unsere Lebensader. Das Angebot kam so gut an, dass wir Mühe hatten, alle Aufträge anzunehmen. Weil das Fahrradgeschäft sehr wetterfühlig ist, kam die Öffnung im Mai genau zur rechten Zeit. Die Leute hatten viel freie Zeit t und konnten nicht in Urlaub fahren. Da kam viel zusammen: Pandemie, Gesundheits- und Klimabewusstsein, Skepsis gegenüber öffentlichen Verkehrsmitteln: Der Verkauf ist regelrecht explodiert. Es war ein Wahnsinn.
Hatten Sie genug Fahrräder?
Wir hatten gut eingekauft, trotzdem waren wir zum Ende des Jahres ausverkauft. Wir konnten viele Kunden nicht bedienen.
Bekommen die Kunden im Moment ihr Wunschfahrrad?
Unser klassisches Geschäft der intensiven Beratung und Bestellung des Wunschfahrrads bricht gerade komplett weg. Wir hatten schon immer eine große Auswahl an Rädern im Geschäft, aber noch mehr Räder wurden nach den Vorstellungen des Kunden bestellt. Unsere große Stärke – beraten, konfigurieren, bestellen – funktioniert derzeit nicht.
Wie läuft das Geschäft heute?
Wir sind gezwungen, nahezu 100 Prozent der Räder, die wir prognostiziert verkaufen, vorzubestellen. Das ist natürlich ein erhebliches finanzielles Risiko. Wir bekommen sogar nur bestimmte Pakete, eine freie Auswahl haben wir nicht. Die produzierenden Firmen arbeiten komplett am Anschlag, können die Produktion auch nicht hochfahren, weil es bei fast allen Komponenten Lieferprobleme gibt. Wir können nur die Räder verkaufen, die wir bestellt haben, können nichts mehr nachbestellten.
Sie müssen also im Voraus wissen, was die Kunden in der neuen Saison wollen?
So ist es. Da ist die Erfahrung, die wir gesammelt haben, überlebenswichtig. Vor allem im High-End-Bereich. Da darf ich bei der Bestellung keine Fehler bei den Größen oder Farben machen. Ich muss jeden Tag bis zu 20 E-Mails beantworten, in denen Kunden nach ganz bestimmten Rädern fragen. Ich musste noch nie so vielen Kunden absagen, weil die Räder einfach nicht zu bekommen sind. Das tut mit weh, nicht nur aus kaufmännischen Gesichtspunkten. Die Lieferprobleme betreffen alle Fahrradtypen und Marken.
Es scheint, als wären Fahrräder zu seltenen Luxusgütern geworden, die nicht verkauft, sondern in geringen Mengen zugeteilt werden.
Die Räder werden tatsächlich je nach Umsatz in den vergangenen Jahren zugeteilt. Von der einen Firma bekommst du dann maximal 600 Räder, von der anderen 200. Mehr nicht. Der positive Effekt für uns: Es gibt keinen Preiskampf. Die Nachfrage ist deutlich höher als das Angebot.
Wie kommt es zu den Lieferproblemen?
Ein Fahrrad besteht aus vielen Teilen, die in verschiedenen Ländern produziert und dann beim Hersteller des Fahrrads montiert werden. Das klassische Produkt "Made in Germany" gibt es nicht mehr. Man sieht im Moment am Beispiel Fahrrad überdeutlich, wie fragil das System der globalisierten Produktion und ihrer Lieferketten ist. Zum Zeitpunkt X müssen alle Teile am Band sein und wenn da nur ein Blitzventil oder die Kunststoffabdeckung vom Motor fehlt, bricht das ganze System zusammen.
Wie wird sich der Markt im kommenden Jahr darstellen?
2022 wird ein Jahr des Mangels und der Knappheit werden. Einige Hersteller warten ein Jahr auf Lenker, fast zwei Jahre auf Bremsen und auf Motoren. Man weiß nicht genau, was noch alles passieren wird.
Wie sieht die Zukunft des Fahrrads aus?
In mehr als hundert Jahren hat sich das Fahrrad sehr langsam entwickelt. Das änderte sich mit den E-Bikes. Die Sprünge in Technologie und Design in den vergangenen fünf Jahren waren dramatisch und das wird weiter gehen. Man ist noch lange nicht am Gipfel angekommen. Die E-Bikes werden sich schnell weiterentwickeln. Die erste Euphorie – größer, schwerer, stärkere Motoren – ist vorbei und auch den früheren Standardsatz: "Das brauche ich jetzt noch nicht" hören wir nicht mehr.
Was passiert mit dem klassischen Fahrrad?
Das wird bald nur noch eine Randerscheinung sein. Bei uns liegt der Anteil der E-Bikes allerdings erst bei 50 Prozent. Da wir in einigen Spezialgebieten wie bei den Triathleten unterwegs sind, verkaufen wir auch noch 50 Prozent Bio-Bikes.
Und mit den E-Bikes?
Die E-Bikes in allen Variationen werden den Markt dominieren. Der Innovationsdruck ist sehr hoch. Insgesamt werden die E-Bikes intelligenter, leichter, Motoren und Akkus werden kleiner. Technologisch steht das Fahrrad an einem Neuanfang. Der Nutzungsschirm wird größer. Das E-Bike wird sich in der Stadt noch mehr auch als Autoersatz etablieren, um auch mal im schicken Outfit unverschwitzt von A nach B zu kommen. Man wird mit dem Fahrrad mehr machen können. Auch bei den E-Mountainbikes wird der sportliche Ansatz wieder mehr zum Tragen kommen. Wuchtige und schwere E-Bikes im Wald werden eine Episode bleiben.
Ist die Infrastruktur für Radfahrer auf das alles vorbereitet?
Im Moment nicht. Die Belange der Radfahrer werden immer noch stiefmütterlich behandelt. Da ist bei mir verhaltener Pessimismus angesagt. Radwege, die einfach aufhören, oft bei geparkten Autos, sind eine Zumutung.

