Olympia-Eisschnelllauf: Finn Sonnekalb läuft um Medaillen
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Finn Sonnekalb ist zwar erst 18 Jahre alt, gilt aber schon jetzt als der beste deutsche Eisschnellläufer. Nun greift er bei den Olympischen Spielen an. Von den Olympischen Spielen berichtet Benjamin Zurmühl Claudia Pechstein , Gunda Niemann-Stirnemann, Anni Friesinger, Stephanie Beckert. Es gab eine Zeit, in der waren den Deutschen Medaillen im Eisschnelllauf bei Olympischen Spielen ziemlich sicher, zumindest bei den Frauen. Aber: Das letzte Mal stand 2010 in Vancouver eine deutsche Eisschnellläuferin auf dem Podest, die Herren warten sogar seit 2002 auf Edelmetall. Ein Hoffnungsträger für die Zukunft ist Finn Sonnekalb. Der 18-Jährige ist Juniorenweltmeister und schaffte es in diesem Jahr sogar im Weltcup schon auf das Treppchen. Bei den Olympischen Spielen will er auf seinen Spezialstrecken 1.000 Meter und 1.500 Meter oben mitmischen. Am heutigen Mittwoch steht sein erstes Rennen an. t-online: Herr Sonnekalb, Interviews, Fotoshootings, Trainingseinheiten, Besuche beim Physiotherapeuten. Die Liste Ihrer Termine ist auf einmal relativ lang. Daher die simple Frage: Wie geht es Ihnen? Finn Sonnekalb : Mir geht es eigentlich ganz gut. Es sind schon echt viele Termine. Ich darf da natürlich nicht den Fokus verlieren. Am Ende fragt dich niemand, wie viele Interviews du gegeben hast, sondern auf welchem Platz du gelandet bist. Daher haben für mich die sportlichen Termine Priorität. Dazu achte ich darauf, gut zu essen und beispielsweise beim Essen nicht noch am Handy zu sein. Haben Sie ein besonderes Mentaltraining für die Zeit vor Olympia gemacht oder sich Tipps von anderen Athleten geholt? Ich habe mir einiges von Patrick Beckert (erfahrener Eisschnellläufer, Anm. d. Red. ) abgeschaut. Von ihm habe ich auch den Spruch, dass dich am Ende niemand fragt, wie viele Interviews du gegeben hast. Ich hole mir gerne viele Tipps von denen, die viel Ahnung haben. Der dreifache Olympiasieger Kjeld Nuis sagte zuletzt im ZDF , Sie sollten die Spiele einfach genießen, weil mit Ihren 18 Jahren nichts von Ihnen erwartet wird. Ich selbst will natürlich das beste Ergebnis erzielen. Aber ich werde nichts erzwingen, denn so einen großen Wettkampf hatte ich noch nie. Bei Olympia ist noch einmal alles anders. Da gewinnt nicht unbedingt der beste Mann aus dem Weltcup, sondern der, der am besten dort mit dem Druck umgehen kann. Ich werde mir mal angucken, wie das alles so ist, und gucken, wofür es reicht. Sie machen nach Olympia auch direkt weiter und nehmen eine Woche später noch einmal an der Junioren-WM teil. Das mache ich aber freiwillig, weil ich einfach Lust drauf habe. Das ist eine Junioren-WM im eigenen Land, die gibt es nicht alle Tage. Und Inzell hat als Austragungsort für mich eine besondere Bedeutung. Die Junioren-WM 2023 fand dort statt und war mein erster großer Auftritt auf der internationalen Bühne. Und jetzt endet meine Zeit im Juniorenbereich in Inzell. Das gefällt mir sehr gut. Dazu liegt es auch auf dem Weg zurück von Italien nach Erfurt, wo ich wohne. Gibt es eigentlich bei all den Interviews, die Sie zuletzt geführt haben, eine Frage, die Sie nicht mehr hören können? Es gibt Fragen, die ich nicht mag. Zum Beispiel: Woran hat es gelegen? Warum wurden Sie nur Neunter? Wir sind ehrlicherweise schon etwas erfolgsgeil geworden. Letztes Jahr wurden wir in den Himmel gelobt, wenn wir in die Top Ten gelaufen sind. Und dieses Jahr wird sofort nachgefragt, wenn ich es mal nicht weit nach oben geschafft habe, weil ich dreimal im Weltcup auf dem Podest gelandet bin – etwas, das auf diesen Distanzen lange kein Deutscher mehr geschafft hat. Warum nicht wieder Dritter? Da versetzt sich manch einer nicht in die Lage und überlegt, ob das Ziel vielleicht gar nicht war, jetzt im Weltcup super zu laufen, sondern für die Olympischen Spiele in Topform zu sein. Meinen Sie, dass manchen Beobachtern vielleicht das Denken eines Leistungssportlers fehlt? Das trifft nicht auf alle zu. Das ZDF beispielsweise war bei diesem Weltcup vor Ort und hat verstanden, dass er nicht den hohen Stellenwert hat und die Athleten ihn einfach noch mal mitnehmen. Manche waren in Topform und hofften, diese Form auch noch Wochen danach zu haben. Ich bin eher den sicheren Weg gegangen, ihn als Teil der Vorbereitung zu sehen. Zeigt sich aber hinter dieser schnell veränderten Anspruchshaltung nicht vielleicht auch, wie groß der Sport des Eisschnelllaufs in Deutschland aufgrund seiner erfolgreichen Geschichte noch ist? Du wirst natürlich schnell mit großen Namen verglichen. Aber meist schauen wir uns dann Weltcup-Ergebnisse an und vergleichen sie mit denen von Olympischen Spielen. Das ist schwer zu machen. Es kann Athleten geben, die lasse ich im Weltcup hinter mir, aber bei Olympia sind die in einer besseren Form. Da kann sich noch einmal einiges ändern. Ein Jordan Stolz wird schon seine Medaillen holen, so ist es nicht. Aber das ist eine andere Nummer als ein Weltcup. Was heißt es eigentlich, auf Olympia hinzutrainieren? Um es mal ganz einfach zu erklären: Du trainierst bis so zwei, drei Wochen vor einem Wettkampf noch in großen Umfängen. Und dann nimmst du etwas das Tempo raus, damit du von dem, was du davor intensiv trainiert hast, zehren kannst, gleichzeitig aber die nötige Frische an deine Muskeln kommt. In diesem Weltcup habe ich aber den Trainingsumfang nicht reduziert, sondern durchgezogen, weshalb auch die Ergebnisse am Ende nicht mehr so gut aussahen. Achten Sie bei der Ernährung auf besondere Dinge? Ich ernähre mich schon mein ganzes Leben lang vegetarisch. Zu Hause werde ich von meinen Eltern bekocht, es gibt immer sehr gesundes Essen. Darauf legen sie großen Wert. Wie würden Ihre Eltern Sie charakterlich beschreiben? Ich bin ein hilfsbereiter, lustiger und aufgeweckter junger Mann. Aber ich bin nicht sonderlich aufmerksam. Manches muss man mir zweimal sagen, manches auch dreimal. Ich vergesse viel oder höre nicht richtig zu. Kommt daher auch der Hinweis von Patrick Beckert, während des Essens nicht noch andere Dinge zu machen? Ja, genau. Man muss sich einfach auf die Dinge konzentrieren, die man gerade macht. Man geht so wahrscheinlich auch besser durchs Leben. Manche Menschen stehen morgens auf und denken schon an die Arbeit, und bei der Arbeit an den Feierabend. Ich würde auch sagen, dass das inzwischen eine Stärke von mir ist, dass ich das in den Fokus nehme, was ich gerade tue. Sie kommen aus einer sportlichen Familie, Ihre Eltern sind Radsportler. Hat das auch Ihren Weg vorgezeichnet? Das denke ich schon. Als ich ein Jahr alt war, waren wir in Skandinavien mit dem Fahrrad unterwegs. Als ich fünf Jahre alt war, sind wir über acht Monate 8.000 Kilometer durch Südeuropa gefahren. Mein Vater hat aus seinem Fahrrad ein Tandem gemacht, sodass ich die 8.000 Kilometer auch mittreten musste. Das hat mich schon sehr geprägt, was auch Durchhaltevermögen und Hartnäckigkeit angeht. Generell waren unsere Urlaube immer mit Aktivität verbunden, nie mit Rumsitzen in Hotels. Sie fahren auch heute noch viel Fahrrad. Was bringt Ihnen das für den Eisschnelllauf? Das Radfahren aktiviert meinen Kreislauf noch einmal, wenn ich nachmittags eine Einheit einschiebe. Im Sommer trainiere ich damit auch meine Grundlagenausdauer. Hätten Sie sich auch eine Karriere im Radsport vorstellen können? Das wäre komplett in die Hose gegangen, allein aufgrund meiner Größe. Ich bin 1,93 Meter und kenne keinen in der Weltspitze, der so groß ist. Vielleicht im Bahnradsport, das kommt der Belastung und der Härte im Eisschnelllauf auch relativ nah. Im Sommer machen wir auch gerne mal Bahnradsport. Das mag ich auch generell am Eisschnelllauf. Im Winter bist du nur auf dem Eis, aber im Sommer gibt es viel Abwechslung. Da fahren wir Rad, gehen viel Schwimmen, gehen sogar in eine Skihalle in Oberhof , um uns ganzheitlich fit zu halten und nicht nur spezifisch. Was gefällt Ihnen aber dann am Eisschnelllauf im Winter? Mir gefällt, dass ich viel gewinne ( lacht ). Dann natürlich die hohen Geschwindigkeiten und die Kräfte in der Kurve. Haben Sie Vorbilder im Eisschnelllauf? In Deutschland nicht. Und international? Jordan Stolz, der inzwischen mein Konkurrent ist. Ein für mich sehr beeindruckender Sportler war zudem Michael Jordan . Seine Mentalität, seine Einstellung, das finde ich schon sehr interessant. Ein extremes Alphatier. Michael Jordan hat sich quälen können.

