Skispringen: Der Sport steht nur noch am Rand
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Das Skispringen kommt auch nach dem WM-Skandal nicht zur Ruhe. Ein zu kurzer Anzug, eine zweite Sohle im Socken und verbotenes Wachs – aber warum? Sven Hannawald hat die Nase voll. "Wollen die uns alle verarschen?", ärgerte sich der frühere Skispringer und heutige Experte beim Sender Sport1. Der Grund: wiederholte Regelverstöße von Timi Zajc, eine zweite Sohle im Socken von Anna Odine Strøm und verbotenes Wachs auf den Ski von Paweł Wąsek. Das Skispringen steht auch zehn Monate nach dem WM-Skandal in Trondheim unter genauer Beobachtung. Bei der laufenden Vierschanzentournee wird bereits über vermeintliche Manipulation gesprochen. Im Fokus stand zunächst vor allem Timi Zajc. Der Slowene belegte zum Tournee-Auftakt in Oberstdorf eigentlich den zweiten Platz, wurde wegen eines zu kurzen Skisprunganzugs dann aber disqualifiziert. Weil die Regelhüter Zajc in Garmisch-Partenkirchen wegen des gleichen Verstoßes erneut aus dem Wettbewerb nahmen, kassierte dieser eine Rote Karte. Zajc musste den Rest der Tournee zuschauen. Vierschanzentournee: Die Hollywood-Geschichte geht weiter "Beschäftigt uns enorm": Tournee zeigt deutsche Nachwuchs-Krise im Skispringen "Da habe ich zwei Worte für: respektlos und dumm", polterte Hannawald im Sport1-Interview in Richtung Zajc, der sich nach seiner Disqualifikation sogar noch in den sozialen Netzwerken darüber amüsiert hatte. "Das beschreibt genau das, was dieser Typ ist." Dabei sind Fälle wie Zajc durchaus Normalität im Skispringen . Und das hat einen bestimmten Grund. Disqualifikationen ein gutes Zeichen Vor der Vierschanzentournee hatte es im Weltcup 18 Disqualifikationen gegeben, dreimal wurde eine Rote Karte gezeigt. Immer ging es um Milli- oder Zentimeter bei den Skiern oder dem Anzug. Laut Regularien des Internationalen Skiverbands (Fis) darf ein Anzug im Skispringen nicht zu groß sein, damit die Tragefläche in der Luft nicht vergrößert wird. Der Stoff des Anzugs muss zwischen vier und sechs Millimeter dick sein und eine maximale Luftdurchlässigkeit haben. Damit nicht genug: Der Anzug muss am Körper anliegen. In aufrechter Position dürfen sich bei den Männern maximal ein bis drei Zentimeter (bei den Frauen zwei bis vier Zentimeter) zwischen Körper und Anzug befinden. Fast alle Athleten gehen naturgemäß an die Grenze des Erlaubten, auch die Deutschen. Im Sommer wurde beispielsweise Andreas Wellinger einmal disqualifiziert. Und trotz der Schlagzeilen und Empörung über die aktuellen Vorfälle ist das ein gutes Zeichen. Seit dem norwegischen Team im März die Manipulation von Anzügen nachgewiesen wurde, blickt der Weltverband Fis mit Kontrolleur Mathias Hafele genauer hin. "Regel ist Regel. Da kann man keine Ausnahmen machen", sagte Hafele beim Tournee-Auftakt zum Thema Anzuglänge. Die Fis bemüht sich also um eine Null-Toleranz-Politik, begutachtet noch mehr Details und begründet die Ausschlüsse detaillierter als früher. Das registrieren auch die nationalen Verbände. "Wir beobachten das schon und werten das auch aus. Ich finde, man hat das Gefühl, die Fis hat es deutlich besser im Griff als die vergangenen drei Jahre", sagte DSV-Sportdirektor Horst Hüttel. Das deutsche Team war rund um den Jahreswechsel bislang nicht von Disqualifikationen betroffen, im Gegensatz zu den Norwegern. Sport rückt in den Hintergrund Der Anzug von Halvor Egner Granerud war einmal zu lang. Bei der bereits beendeten Two-Nights-Tour der Frauen gab es eine in den Socken eingelegte zweite Sohle bei Anna Odine Strøm. Dass es nach den Vorfällen von Trondheim schon wieder Disqualifikationen gegen Norweger gibt, stieß Sven Hannawald, der die milden Sanktionen seit Monaten kritisiert, besonders sauer auf. Strøm mache ihn "fassungslos". Cheftrainer Christian Mayer erklärte später zwar, dass Strøm seit einem Sturz unter einer Schiefstellung der Hüfte leide. Doch der Verband reichte das nötige Attest für die zweite Sohle erst verspätet nach. Hannawald verurteilte das Vorgehen: "Nachher kannst du dir alle möglichen Ausreden einfallen lassen." Er würde den Norwegern raten, transparent damit umzugehen und die Fis zu kontaktieren. Aufsehen erregte in Innsbruck auch der Fund von verbotenem Fluor-Wachs beim Polen Paweł Wąsek. Jenes Wachs verbessert zwar auch die Gleitfähigkeit geringfügig, ist aber vor allem aus Gesundheitsgründen nicht mehr erlaubt. Das polnische Team hat eine Verunreinigung beim Hersteller als Grund ausgemacht. "Das braucht keiner" Österreichs Sportdirektor kritisierte die Vorfälle scharf und sprach sogar öffentlich von Manipulation: "Es ärgert mich wirklich maßlos", sagte der 48-jährige Mario Stecher laut Nachrichtenagentur APA österreichischen Medien in Innsbruck. "Das ist für mich absolut eine Manipulation. Das geht nicht." Während die Vierschanzentournee nun kurz vor dem Ende steht, rücken Vorwürfe und Beschuldigungen in den Vordergrund, die Diskussionen um unzulässiges Material häufen sich. Der Sport steht nur noch am Rand. Kontrolleur Mathias Hafele wähnt sich und sein Team dennoch auf dem richtigen Weg. Auf die Frage, wie er die vier Disqualifikationen beim Neujahrsspringen beurteile, antwortete er in einem Interview der "Frankfurter Rundschau": "Zumindest ist es ein wichtiges Signal. Die Fis muss dafür sorgen, dass die Regeln eingehalten werden. Wenn man etwa nur Verwarnungen verteilt, dann beginnt wieder nur ein Spiel. Das braucht keiner."

