Eberbach: 70 Boote von "Empacher" starten bei Olympia
Von Rainer Hofmeyer
Eberbach. In den Räumen der Bootswerft Empacher in der Rockenauer Straße läuft dieser Tage Olympia im Fernsehen. Rennrudern wird ausgestrahlt. Die Bootsbauer wollen wissen, wie sich ihre Produkte im Hafenbecken von Tokyo schlagen. Es gibt viel zu gucken: Nahezu alle Rudernationen gehen mit Eberbacher Einheiten aufs Wasser. Vom Einer bis zum Achter. Die USA, Kanadier, Briten, Australier, die Schweiz; dazu eigentlich alle kleinen Rudernationen. Insgesamt sind 70 Boote von Empacher in Tokyo am Start. In Deutschland von besonderem Interesse: die Ruderer und Mannschaften des Deutschen Ruderverbandes (DRV).
Empacher ist die weltweit führende Werft für Rennruderboote. Hergestellt werden standardisierte Formen für Einer, Zweier, Vierer mit und ohne Steuermann sowie drei Achter-Typen. Selbstverständlich gibt es individuelle Optimierungen. Von der Order bis zur Auslieferung kann es drei bis sechs Monate dauern. Die reine Produktionszeit einer Einheit braucht einen starken Monat.
Eberbach ist stolz auf den 1947 hier angesiedelten Betrieb. Firmenchef Willy Empacher ist vielen noch in guter Erinnerung. Er hatte als 21-Jähriger im Dezember 1923 im ostpreußischen Königsberg die ersten drei Segeljachten gebaut. In den 1930er-Jahren führte Empacher die größte deutsche Bootswerft im Osten, mit über 100 Mitarbeitern. Während des Krieges baute man Marine- und Pionierboote. 1945 flüchtete die sechsköpfige Familie auf dem Wasserweg von Ostpreußen nach Schleswig-Holstein und gelangte 1947 völlig mittellos nach Eberbach.
Empacher übernahm die Eberbacher Bootswerft Seibert. Man erweiterte 1983 vom ersten Standort beim Ortseingang Richtung Lindach die Kunststoffproduktion auf die andere Neckarseite. 70 Mitarbeiter sind heute bei Empacher beschäftigt, vier Bootsbaumeister und drei Ingenieure. Das Unternehmen wird jetzt in der dritten Generation der Familie geführt. Erfolge machten und machen Empacher in der Welt bekannt. 1968 holte Jochen Meißner im Holz-Einer olympisches Silber in Mexiko. 1972 erkämpfte der deutsche Vierer Gold in München, zum ersten Mal in Kunststoff gebaut.
Inzwischen hat Empacher ein Dauer-Abonnement auf Meisterschaften, Sieger-Cups und olympische Medaillen. Bei Empacher kann man sich auch freuen, wenn heimische Boote mit Mannschaften anderer Nationen Edelmetall holen. Das aktuelle Ziel der Eberbacher in Tokyo: "Wir wollen mindestens die Hälfte der Rudermedaillen". Wie viele Eberbacher Boote überhaupt am Start sind, musste Dipl. Ing. Frank Günder, Entwickler und Konstrukteur bei Empacher, erst im Einzelnen nachzählen lassen. Günder ist seit 1994 bei Empacher.
Ein besonderes Interesse gilt jetzt zwar dem Flaggschiff des Deutschen Ruderverbandes: Der Deutschland-Achter. Aber die Achter der Holländer, Amerikaner, Briten und Australier hat Günder gleichermaßen fest im Auge: Fünf von sieben in Tokio gestarteten Männer-Achter-Renner kommen aus Eberbach.
Für das Finale der am Neckar gebauten großen Boote muss man bei Empacher am Samstagmorgen ab 2.30 Uhr wach sein. Da wird über 2000 Meter Tokyoter Hafenwasser das Finale ausgetragen und live ausgestrahlt, gleich nach den Einer-Läufen. In den Tagen davor sind ab etwa 2.15 Uhr Zweier und Vierer zu sehen. Die Empacher-Boote erkennt man grundsätzlich am gelben Bootskörper.
Ausgerechnet der deutsche Achter ist grün, wegen der Farbe des Mäzens Wilo. Und die Holländer haben blau – sie werden von einem Energiebrause-Hersteller gesponsort.
Für die Produktion des deutschen Achterbootes hat Empacher quasi einen Dauerauftrag. Der DRV bekam einen Neubau bereits für die eigentlich 2020 angesetzten Tokyoter Spiele ins Dortmunder Leistungszentrum geliefert. Da die Olympischen Spiele um ein Jahr verschoben wurden, gab es Zeit für erste Verbesserungen. Das Auslegersystem wurde geändert. Damit holte der Empacher-Achter im Oktober vergangenen Jahres Gold bei der Europameisterschaft auf dem Maltasee in Posen.
Beim Weltcup in Luzern im Mai dieses Jahres wurde noch mit diesem Boot gerudert. Der deutsche Achter wurde auf der Ziellinie von Großbritannien geschlagen. Im Frühjahr 2021 gab es bereits ein komplett neues Boot, weiter beim Auslegersystem verbessert. Im letzten Härtetest vor Tokyo, beim Weltcup im Juni in Sabaudia in Italien, haben die deutschen Ruderer den italienischen Achter mit diesem neuen Boot in einer Länge Vorsprung geschlagen. Damit war klar: Der 2021er Renner geht nach Tokyo.
Rund 60.000 Euro kostet ein Achter. Karbonteile für den Bootskörper, die Mechanik des Auslegers, Stemmbretter, Rollsitze, Laminate, Edelstahlteile und Bleche – nach Regel maximal 96 Kilo Bootsgewicht werden bei Empacher in Teamarbeit produziert. Per Flugzeug ging der knapp über 17,50 Meter lange neue Achter nach Japan, in zwei Teile zerlegt.
Mit drei qualifizierten Mitarbeitern ist Empacher direkt vor Ort am Regattagelände. Da die Rennen in salzigem Meerwasser ausgetragen werden, müssen die Boote fachmännisch inspiziert werden. Auch kleine Beschädigungen und Karambolagen gilt es zu reparieren. Die Techniker haben einen halben Container Materialien und Werkzeuge mitgenommen.
Ein mittelständischer Handwerksbetrieb aus Eberbach am Neckar schreibt wieder einmal mehr Sportgeschichte, vor den Augen der Welt. Es ist dabei fast egal, wer die Medaillen gewinnt – wenn es auf jeden Fall in einem gelben Rennruderboot ist.

