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Eisstadion im Friedrichspark Mannheim: Die Heimat der Rockstars und Eishockeycracks soll abgerissen werden

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Von Harald Berlinghof

Mannheim. Hundert Jahre zurück liegt es zwar nicht, als die Rolling Stones bei ihrem Auftritt im Mannheimer Eisstadion "100 Years Ago" anstimmten. Trotzdem scheint es für alle, die damals am 3. September 1973 auf dem kalten Bretterboden über der Eisfläche des Eisstadions saßen, eine gefühlte Ewigkeit her zu sein - oder gerade erst gestern stattgefunden zu haben. "Wie eh und je brachten die Rolling Stones ihre Fans in Rage", hieß es damals in der Rhein-Neckar-Zeitung, "doch kam es zu keinen unliebsamen Zwischenfällen." Und weiter: "Das Eisstadion war schon seit Tagen ausverkauft gewesen. Auch die, die draußen vor der Tür bleiben mussten, kamen indes auf ihre Kosten, zumindest akustisch."

Das 1939 erbaute Eisstadion am Friedrichspark gibt es bis heute, seine großen Zeiten hat es allerdings schon lange hinter sich. Was deutlich zu sehen ist. Eine architektonische Schönheit allerdings war es noch nie. Und weil ihm nun einmal wieder der Abriss droht - die benachbarte Mannheimer Universität benötigt Platz zur Ausdehnung - wirft die RNZ einen Blick in die Geschichte des Mannheimer Kultgebäudes.

Am 21. Mai 1974 jagte die Kult-Rock-Band Emerson, Lake and Palmer als 40-minütige Zugabe ihre mit Synthesizer-Klängen verstärkte Version der "Pictures at an Exhibition" von Mussorgski über die Boxen. Keith Emerson zerlegte wie gewohnt seine Hammond-Orgel und Carl Palmer malträtierte seine Trommeln. Bob Dylan, die Bee Gees, Led Zeppelin und Al Jarreau oder Tina Turner gehörten zu den Musikern, die das Eisstadion zeitweilig in eine Rockarena verwandelten.

Einmal, im Jahr 1999, gastierte das Nationaltheater im Stadion. Für das "Sportstück" von Elfriede Jelinek hatten die Theaterleute es geschafft, das spröde Eisstadion mit bunten Tüchern und Lichterketten "richtig gemütlich zu machen", wie ein Zeitgenosse damals urteilte. Und einmal, ebenfalls 1999, hatte Tatortkommissar Palü hier seinen Auftritt. Mit 31 Leuten drehte der Saarländische Rundfunk im Stadion. "Penalty" hieß die Folge der bekannten Krimiserie.

Die heißesten Nächte erlebte das Eisstadion, dieser architektonisch reizlose Funktionsbau, aber immer dann, wenn die Eishockeyschlachten des MERC dort ausgetragen wurden. Und das war zeitweilig wöchentlich der Fall. "Hier regiert der ,ÄmmErZeeh’", schallte es dann aus Tausenden Kehlen. Für Nicht-Mannheimer und für junge Leute, die nur noch die Adler mit Eishockey in Mannheim verbinden: Der MERC war 1980 erstmals Deutscher Eishockeymeister mit vier Deutsch-Kanadiern in der Mannschaft. Mit der Verpflichtung von Manfred Wolf, Harold Kreis, Roy Roedger und dem ersten Farbigen im Deutschen Eishockey, Peter Ascherl, lösten die Mannheimer bei der Konkurrenz aus den bayrischen Dorfvereinen aus Garmisch-Partenkirchen (SC Riessersee), Rosenheim, Landshut oder Bad Tölz aber auch aus Richtung Köln und Düsseldorf boshafte Kommentare aus. Trotz allem: Die psychologische Kriegsführung der Neider reichte nicht aus, die Deutsche Meisterschaft 1980 für den MERC zu verhindern.

Vier Tage lang wurde im Restaurant Puck oberhalb der Eisfläche gefeiert. Die Kufencracks waren zum letzten Spiel gegen Köln - weil sie als Meister bereits feststanden - angetrunken und in Frack und Zylinder aufs Eis gekommen. Die MERCler galten als die bösen Jungs des damaligen Eishockey - und die Fans im brechend vollen Eisstadion am Friedrichspark waren aus dem Häuschen.

Was waren das für zugige Winterabende, die man auf den Stehrängen der Eishockeyarena zubrachte. Das Stadion war zwar überdacht, aber an drei Seiten offen, sodass der Wind ungehindert über die Köpfe der Fans hinwegblasen konnte. Aber man tröstete sich damit: Bei den Dorfvereinen der 2. Eishockey-Bundesliga wie Pfronten und Peiting war es noch schlimmer. Bei Schneefall musste man dort den Puck gelegentlich unter der Schneedecke suchen.

Das Eisstadion am Friedrichspark wurde 1939 eröffnet. Zu seiner großen Zeit zwischen 1980 und 1994 fasste es 8200 Zuschauer. Manchmal konnte man sich aber bei Spitzenspielen des Eindrucks nicht erwehren, dass da "ein paar Tickets" zusätzlich verkauft worden waren, so eng ging es auf den Tribünen zu. Der erste Auftritt des MERC im damals neuen Stadion endete allerdings in einem Fiasko. 0:11 unterlagen die Mannheimer dem SC Riessersee.

1949 hatte die Stadt Mannheim das Stadion ersteigert und damit ein finanzielles Fass ohne Boden erworben. Drei Millionen Mark kosteten der Umbau und die Renovierung. Ein Dach über der Eisfläche wurde erst 1969 fertiggestellt. 2005 kam dann das Aus, als die Adler in die SAP Arena umzogen. Am 2. Mai 2005 wurden die Kühlanlagen abgestellt und schon damals lag ein Abriss nahe. Nachts stellten Fans Grablichter auf, man trauerte. Hier hatten sie gejubelt und gelitten. Seit 2006 spielen im alten Eisstadion Inline-Hockey-Vereine.

Größere Veranstaltungen gab es in der jüngeren Vergangenheit vor allem in Form von Public Viewing Events zu den Fußball-Europa- und Weltmeisterschaften. Tausende Fußballfans strömten im zweijährigen Rhythmus in die altehrwürdigen Gemäuer und brachten - zumindest ein bisschen - das alte Stadiongefühl zurück.

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