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Curling bei Olympia: Party in Cortina – Stadion fest in deutscher Hand

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In Cortina d'Ampezzo findet neben den alpinen Skirennen der Damen und den Sportarten im Eiskanal auch Curling statt. Deutschland ist mit dabei und die mitgereisten Fans sind nicht zu überhören. Aus Cortina d'Ampezzo berichtet Benjamin Zurmühl "Benny Kapp, Benny, Benny Kapp" schallt es zur Melodie des 80er-Jahre-Hits "Give It Up" von KC & The Sunshine Band durch das Curling Olympic Stadium in Cortina d'Ampezzo. Ein kleiner Fanblock aus dem Allgäu ist an diesem Donnerstagnachmittag nicht zu überhören. Die deutsche Curling-Nationalmannschaft spielt gegen Norwegen. Es ist ihre zweite Partie bei den diesjährigen Olympischen Spielen. Am Vortag hat Deutschland gegen Kanada knapp mit 6:7 verloren. Ein beachtliches Ergebnis, schließlich ist Kanada Rekordweltmeister. Benjamin "Benny" Kapp ist Teil der Nationalmannschaft. Er stammt aus einer echten Curling-Familie. Schon sein Vater Andreas und sein Onkel Ulrich spielten für Deutschland. Benjamin Kapp setzt die Tradition fort. Seine Position lautet "Third", zudem ist er Vizekapitän, der Anführer heißt Marc Muskatewitz. Die Schlachtrufe schmeicheln ihm. "Kapp, Kapp, Kapp, Benny Kapp, Kapp, Kapp", singt der deutsche Fanblock einige Minuten später. Die Melodie stammt dieses Mal vom Ballermann-Hit "Johnny Depp" von Lorenz Büffel. Das Pokerface in Kapps Gesicht schwindet, der 23-Jährige muss lachen, als sich Teamkollege Felix Messenzehl grinsend zu ihm umdreht. "Ich habe oft probiert, mein Lachen zu unterdrücken", verrät Kapp. "Ich musste innerlich die ganze Zeit grinsen." Die deutsche Curling-Nationalmannschaft hat in Cortina d'Ampezzo ein Heimspiel. Ein großer Teil der rund 1.700 anwesenden Zuschauer ist in Schwarz-Rot-Gold gekleidet. Perücken, Flaggen, T-Shirts. Sogar eine Fahne des Fußball-Zweitligisten Darmstadt 98 hat es in die Halle geschafft. "Die Stimmung war richtig geil", sagt Benjamin Kapp im Anschluss. "Das hat richtig Spaß gemacht." Eine so "deutsche" Halle habe er noch nie erlebt. "Wir haben schon in vielen lauten Hallen gespielt, normalerweise aber Hallen gegen uns." Der Allgäuer Fanblock besteht aus Bekannten des deutschen Nationalspielers. Immer wieder stimmen die rund zehn Personen Lieder an. "Steht auf, wenn ihr Deutsche seid" und "Ohne Deutschland wär' hier gar nichts los" sind Teil des Repertoires, das in den knapp drei Stunden in der Curling-Halle ausgepackt wird. Wie funktioniert Curling eigentlich? Auch wenn die Stimmung mehr an Darts erinnert, ist Curling eigentlich ein eher ruhiger Sport. Manch einer nennt ihn "Schach auf dem Eis". Er erfordert viel Präzision und die richtige Taktik. Jedes Spiel besteht aus bis zu zehn sogenannten Ends. In einem End hat jedes Team acht Steine zur Verfügung, die abwechselnd von der einen Seite auf die andere geschoben werden. Für die Herstellung eines Curlingsteins wird ein spezieller Granit benötigt, den es praktisch ausschließlich auf der schottischen Insel Ailsa Craig gibt. 20 Kilogramm wiegt ein Stein. Oben an den Steinen ist ein Griff befestigt, damit die Spieler mehr Kontrolle haben und den Stein "curlen", ihn in Rotation versetzen können. Das Ziel ist es, am Ende eines jeden Ends möglichst viele Steine in der Nähe des sogenannten Buttons zu haben. Der Button ist der Zielpunkt, der mittige Kreis im House, dem farbigen Zielbereich. Das House ist ein Bereich aus mehreren Kreisen, der innerste Kreis ist der Button. Auf dem Eis befinden sich pro Mannschaft vier Spieler. Einer bringt den Stein, zwei stehen mit Besen bereit, um bei Bedarf das Eis vor dem Stein warm zu wischen, damit er schneller gleitet. Und der vierte Spieler wartet auf der anderen Seite und macht von dort strategische Ansagen. "Wir haben sonst nicht viel Aufmerksamkeit" Das Spiel der deutschen Mannschaft gegen Norwegen startet unspektakulär. Das erste End endet 0:0, das zweite 0:1. Parallel führt Großbritannien bereits mit 2:0 gegen Schweden, zwischen den USA und der Schweiz steht es 1:1. Dann aber brandet in der Halle lauter Jubel auf. Das dritte End geht mit 3:0 klar an Deutschland. Insgesamt führen Benjamin Kapp und Co mit 3:1. Den lauten Jubel bekommen auch die Spieler der anderen Partien mit. Stören tut sie das aber nicht, sagt der Schweizer Sven Michel. "Es ist wahnsinnig cool, der deutsche Block hat einen Riesenlärm gemacht. Die Mehrzahl der Athleten liebt das, die will Stimmung." Eine solche Atmosphäre kennt auch der 37 Jahre alte Michel kaum. Oft sind die Turniere nur spärlich besucht. "Wir haben sonst nicht viel Aufmerksamkeit. Die meisten Turniere sind nicht im Fernsehen zu sehen", erklärt Michel. Vom Sport allein lebt er nicht. Michel arbeitet im Sommer in Vollzeit auf einer Baustelle als Maurer, im Winter wechselt er zwischen den Curling-Hallen und der Baustelle. "Ich mag es, zu arbeiten. Ich brauche das, um abzuschalten", erklärt er. In der Olympiasaison aber gilt sein Fokus uneingeschränkt dem Curling. Zu den Spielen erlebt die Randsportart alle vier Jahre einen kleinen Hype, weltweit schauen Millionen Menschen zu. "Ich glaube, dass die Leute dann auch gerne einmal eine andere Sportart verfolgen, die sie sonst nicht zu sehen bekommen", ist Michel überzeugt. Auch dass die Regeln leicht zu verstehen sind, hilft dabei. Und: "Die Leute werden gezwungen, weil die Spiele gehen drei Stunden", sagt er lachend. Spannung bis zum Schluss Das Spiel der Schweiz gegen die USA ist aber schon nach etwas mehr als zwei Stunden beendet. Nach acht Ends liegen die Amerikaner so weit hinten, dass sie aufgeben. Das deutsche Spiel läuft hingegen noch. Das achte End läuft, es steht 4:2 für Deutschland. Norwegen hat einen Stein im Button, Deutschland keinen einzigen. Dazu liegt ein weiterer norwegischer Stein gut. Marc Muskatewitz ist gefordert. Mit viel Schwung bringt er den Stein auf das Eis. Johannes Scheuerl und Felix Messenzehl wischen in hohem Tempo. Der Stein erreicht das Haus. Klick, klick, hurra! Der deutsche Plan geht auf, beide norwegischen Steine sind weg, dafür ist nun ein eigener im Button platziert. Zwar können die Norweger am Ende des Ends auf 3:4 verkürzen, den Ausgleich aber verpassen sie. Deutschland geht mit einem leichten Vorteil in die letzten zwei Ends. "Wenn ihr für Deutschland seid, dann klatscht ihr in die Hand", schallt es von der Tribüne. Hunderte Fans in der Halle klatschen. Davon angetrieben, baut das Team um Marc Muskatewitz erst die Führung aus – und verwaltet sie im letzten End. 5:4 heißt es nach rund drei Stunden in Cortina d'Ampezzo. Ein wichtiger Sieg für das deutsche Team, denn bei den Olympischen Spielen wird im "Round Robin"-Format gespielt. Das heißt: Jeder gegen jeden, die besten vier Teams schaffen es ins Halbfinale und machen die Medaillen unter sich aus. Bis inklusive Dienstag steht Deutschland jeden Tag auf dem Eis. Nächster Gegner ist Gastgeber Italien. Benjamin Kapp ist zuversichtlich: "Wir müssen nichts groß anders machen, wir spielen sehr gutes Curling." Den Rest regeln die Fans.

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