Den Stecker gezogen
Erst gibt die Shotclock in der Osthalle ihren Geist auf, dann behalten die Artland Dragons bei den GIESSEN 46ers mit 87:79 die Oberhand.
Die Hallenuhr zeigte vier Minuten nach halb zehn, als die Refs die Partie unterbrachen. Alle Shotclocks hatte ihren Geist aufgegeben, null Orientierung also für die Profis beider Mannschaften, wann sie die Mittellinie zu überqueren oder einen Angriff abzuschließen hatten. Runter vom Parkett. Eins, zwei Besprechungen mit dem Coach. Danach Aufwärmen wie sonst nur vor einem Match.
Das Szenario dauerte rund elf Minuten, ehe die Technik in der altehrwürdigen Osthalle wieder funktionierte. Zeit also für manchen Besucher auf den erstmals mit „nur“ 1896 Fans etwas überschaubar gefüllten Rängen, sich über Wortspiele Gedanken zu machen. Irgendwer habe den Hausherren das Licht ausgeknipst, wollte ein stattlicher Herr im roten Club-Sweater wissen. Ein anderer sprach davon, die Uhr sei für die Gastgeber abgelaufen. Am treffendsten beschrieb wohl die Formulierung, jemand habe dem Altmeister „den Stecker gezogen“, die Geschehnisse ab der Unterbrechung 8:12 Minuten vor der Schlusssirene, denn die GIESSEN 46ers bekamen nach der unfreiwilligen Pause nicht mehr viel auf die Kette.
65:68 lagen sie zum Rückrunden-Auftakt der BARMER 2. Basketball-Bundesliga ProA gegen die Artland Dragons zurück, als die 24-Sekunden-Uhr ihren Geist aufgab. Gut fünf Minuten später führten die Gäste aus dem Landkreis Osnabrück schon mit 13 Zählern (83:70, 37.) und ließen sich auch in den Schlusssequenzen nicht mehr die Butter vom Brot nehmen. Nach einer 79:87 (40:44)-Niederlage müssen sich die Schützlinge von Cheftrainer „Frenki“ Ignjatovic eingestehen, nicht nur die zweite Niederlage in Folge kassiert zu haben, sondern mit inzwischen neun Siegen und neun Niederlagen auch aus den Playoff-Rängen herausgerutscht zu sein.
So groß die Enttäuschung bei Mannschaft, Trainerteam, Staff und Publikum auch war, so aufmunternd, aber auch erschreckend ehrlich waren die Worte, die Big Man Jonathan Maier später im VIP-Raum fand, nachdem er sich im Kreise seiner Familie erst einmal gestärkt hatte: „Alle sollten jetzt einmal den Ball flach halten und nicht immer alles schwarzmalen. Wir hatten hier eine gute Zeit, momentan läuft es halt mal nicht so super. Dass passiert jedem Team irgendwann einmal. Ich habe 17 Profi-Jahre auf dem Buckel und schon oft solche Situationen erlebt. Es war stets so, dass Mannschaften, die viele schwierige Situationen während einer Hauptrunde mitmachen mussten, die Playoffs anschließend gestärkt absolviert haben.“
Playoffs? „Ja, die gilt es zu erreichen, diese Qualität haben wir auch“, ergänzte der 33-Jährige, der seine lange Karriere im Sommer beenden wird. „In den Playoffs werden die Uhren wieder auf null gestellt.“
Es war eine Aussage, die an diesem traurigen Abend zur defekten Shotclock, aber auch zum Auftritt des fünffachen nationalen Titelträgers passte, der in dieser Spielzeit irgendwie nicht in die Puschen kommt. Nur zwei von 22 Dreierversuchen landeten im Artland-Korb, was Branislav Ignjatovic fassungslos zurückließ: „So etwas habe ich in meiner kompletten Trainerkarriere noch nicht erlebt. Jungs wie Daniel Norl, Aiden Warnholtz, Kyle Castlin oder Simon Krajcovic treffen im Training überragend. Sie sind früh da und gehen spät nach Hause. Und dann so etwas. Sie tun mir echt leid“, rieb sich der 59-Jährige beim Blick auf die Stats noch immer verwundert die Augen. „Vielleicht sollte ich ihnen verbieten, Extra-Schichten zu schieben.“
Nur Kyle Castlin (zum 18:23, 10.) und Daniel Norl (zum 59:66, 28.) trafen von jenseits der 6,75-Meter-Linie, ansonsten hatten die Schüsse von Downtown eine Streuung wie ein mit Wasser gefüllten Luftballon, den ein Kind vom Balkon im fünften Stock wirft. „Mit einer solchen Quote ist es extrem schwer, ja fast unmöglich, irgendjemanden zu besiegen“, kannte auch Luis König Figge das Hauptproblem des 46ers-Auftritts am Donnerstagabend, an dem viele Menschen den späten Sprungball um 20 Uhr nicht goutiert und lieber den EM-Auftakt der deutschen Handballer live im Fernsehen verfolgt hatten.
Doch nicht nur die katastrophale Quote von weit draußen, sondern auch bärenstarke Gäste aus Quakenbrück machten Gießen das Leben schwer. „Was Ben Burnham hier abgeliefert hat, war schon echt krass. Er hat unmögliche Würfe getroffen und war kaum zu stoppen“, bewunderte Luis König Figge den Auftritt des US-Rookies, der nicht nur 31 Punkte markierte, sondern bei elf eingesammelten Rebounds auch noch die Bretter beherrschte. Da auch Amir Hinton (19 Zähler, davon zwölf von zwölf Freiwürfen) nicht aufzuhalten war und der lange Fynn Lastring neun seiner 13 Zähler aus Downtown markierte, war den Artland Dragons nicht entscheidend beizukommen.
Und dies, obwohl sich die Hausherren redlich bemühten, kämpferisch alles in die Waagschale warfen, ihre zwischenzeitlichen Aufholjagden aber immer wieder selbst beerdigten. Als die Gäste 30:21 (12.) führten, legten die 46ers einen 10:0-Run zum eigenen 31:30 (14.) hin, konnten aus ihrem Zwischenhoch jedoch kein Kapital schlagen, da beispielsweise die Refs dem Buzzerbeater-Dreier von Abu Kigab zum vermeintlichen 43:44-Halbzeitstand die Anerkennung verweigerten. Als Quakenbrück kurz nach der Pause mit 52:42 (22.) in Führung lag, egalisierte Devon Goodman mit einem feinen Solo wenig später zum 53:53 (26.), ohne aber das Momentum auf Gießener Seite ziehen zu können. Und als Abu Kigab per Dunk den vierten Abschnitt eröffnete und auf 65:66 (31.) stellte, hatten die Gastgeber per 9:0-Run die Zehn-Punkte-Führung des Deutschen Vize-Meisters von 2007 aus Minute 28 (66:56) fast aufgeholt.
„Aber immer, wenn wir einen Lauf hatten, haben wir uns selbst gestoppt. Mal mit einem Fehlpass, mal mit einem Schrittfehler beim Fastbreak, mal mit einem freien Schuss, der nicht reinfallen wollte. Das hat Artland gnadenlos bestraft“, fand „Frenki“ Ignjatovic kaum eine Erklärung dafür, was sich vor seinen Augen abgespielt hatte.
Dass er den für den aussortierten Domagoj Vukovic nachverpflichteten Abu Kigab, der in wenigen Tagen selbst Konkurrenz durch Rückkehrer Viktor Kovacevic erhalten wird, in die Startformation gestellt hatte, bereute der 46ers-Cheftrainer zwar nicht, er erweckte aber den Eindruck, seine als Motivationshilfe gedachte Entscheidung zumindest überdenken zu wollen. Denn Ignjatovic stellte dem Kanadier mit sudanesischen Wurzeln kein gutes Zeugnis aus: „Er hat alle andere als schlau gespielt und viel zu selten gute Entscheidungen getroffen.“
Rumms, das saß! Wie auch der Blick von Luis König Figge in die Zukunft: „Ich hoffe, dass uns solche ernüchternden Abende am Ende nur noch stärker machen. Wir brauchen eine kleine Serie, dann kehrt auch unser Selbstvertrauen zurück.“ Noch hat das Team dafür 16 Spiele Zeit …
Gießen: Norl (3), Warnholtz (4), Goodman (5), Castlin (17), Benzing (11), Maier (9), König Figge (3), Müsse (n.e.), Gloger (14), Kigab (7), Krajcovic (6).
Artland: Petrone (5), Hinton (19), Lanmüller (1), Dolic (6), Anthony (4), Oehle, Ndi (3), Bruce (n.e.), Lastring (13), Ruf (5), Burnham (31), Volf (n.e.).
UND SONST NOCH …
- Unsere Starter: Kyle Castlin, Abu Kigab, Jonathan Maier, Luis König Figge, Simon Krajcovic.
- Unser ausdauerndster Profi: Kyle Castlin (35:18 Minuten).
- Unser stärkster Rebounder: Kyle Castlin (10).
- Unser erfolgreichster Passgeber: Devon Goodman (4).
- Unsere höchste Führung: 7:2 (5. Minute).
- Unsere erfolgreichste Serie: 10:0 zum 31:30 (15. Minute).
- Unsere emotionalen Beobachter: 1896 Zuschauer in der Osthalle.
- Unser nächster Auftritt: Freitag, 23. Januar (19.30 Uhr), bei den PS Karlsruhe LIONS.
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