"Medizin am Abend" zum Thema Blutvergiftung: "Fragen Sie Ihren Arzt: Könnte es eine Sepsis sein?"
Von Anica Edinger
Heidelberg. Rory Staunton verletzte sich beim Basketballspielen im Sportunterricht. Er zog sich einen Kratzer am Arm zu. Mehrfach war der junge New Yorker zur Behandlung bei seiner Kinderärztin und in der Notaufnahme. Doch dort wurde er von den Ärzten wieder nach Hause geschickt.
72 Stunden später war Rory Staunton tot. Er wurde nur 13 Jahre alt. Die Diagnose: Sepsis, umgangssprachlich auch Blutvergiftung genannt. Der Fall des Jungen ging um die Welt, wenig später erließ die Stadt New York "Rory’s Regulations". Eines der Ziele: Die Versorgungsqualität an Kliniken zu verbessern, damit eine Sepsis frühzeitig erkannt wird. Denn: "Jede Stunde Verzögerung in der Therapie erhöht die Sterblichkeit um zwei bis fünf Prozent", weiß Prof. Markus Weigand, Ärztlicher Direktor der Klinik für Anästhesiologie.
Zum Thema "Ausnahmezustand im Blut: Vorbeugung und Therapie der Sepsis" sprach der Mediziner am Mittwoch bei "Medizin am Abend", der gemeinsamen Veranstaltungsreihe von RNZ und Universitätsklinikum. Und er betonte immer wieder eindringlich: "Bei der Sepsis gilt: ,Time is life‘." Zeit ist Leben. Schließlich sei die Sepsis immer die Endstrecke einer jeglichen Infektion. Symptome sind etwa Fieber, Verwirrung, ein schweres Krankheitsgefühl oder ein schneller Puls.
Dabei entsteht eine Sepsis, wenn es das Immunsystem nicht schafft, Entzündungsreaktionen - etwa bei einer Schnittverletzung oder auch einer Lungenentzündung - in Schach zu halten. Krankheitserreger und ihre Giftstoffe gelangen dann in den Organismus und breiten sich im Körper aus. "Ein Viertel aller Patienten stirbt daran", so Weigand. Weltweit erkranken pro Jahr 31 Millionen Menschen an einer Sepsis, sechs Millionen davon sterben. In Deutschland gibt es jährlich rund 300.000 Patienten, 68.000 überleben es nicht. Sepsis sei damit die zweithäufigste Todesursache in der Bundesrepublik.
"Fragen Sie sich einmal selbst: Wie viel ist über Herzinfarkte und wie viel über die Sepsis bekannt?", forderte Weigand die Zuhörer auf. Für ihn ist klar: "Es muss noch viel mehr Öffentlichkeitsarbeit geleistet werden." Schließlich sei Sepsis nicht nur oft tödlich - "sie ist auch die vermeidbarste Ursache von Tod und Behinderung".
Und: Die Zahlen der Sepsis-Patienten sind in den letzten Jahren gestiegen. Die Gründe dafür sieht Weigand zum einen im demografischen Wandel: Ältere Menschen mit Mehrfacherkrankungen seien viel anfälliger. Zum anderen nutzten viele Menschen Antibiotika falsch und bildeten so Resistenzen. Wenn Impfungen fehlten, habe die Sepsis ein leichteres Spiel. Auch die moderne Hochleistungsmedizin biete immer mehr Therapien an, die das Immunsystem massiv schwächten - gerade solche Patienten könnten gefährlichen Bakterien schutzlos ausgeliefert sein.
Dabei hat die Medizin vor allem ein Problem: "Gerade in der Frühphase ist eine Sepsis schwer zu diagnostizieren", sagt Weigand, "aber einfach zu behandeln." In der Spätphase dagegen sei sie eindeutig zu diagnostizieren, aber schwierig zu behandeln. "Das ist unser Paradox", so der Mediziner - und macht den Zuhörern dennoch Mut: "Es gibt neue Ansätze und wir forschen immer weiter." Eine Lösung des Paradoxons könnte das sogenannte Delta-Protein sein, an dem Weigand mit weiteren Wissenschaftlern aus seinem Team forscht. "Es erkennt 95 Prozent der Patienten mit Sepsis", erklärt Weigand. Und dennoch: Wer eine Sepsis überlebt, leidet meist noch lange an den Spätfolgen: Depressionen, chronische Schmerzen oder post-traumatische Stresssymptome sind einige Beispiele dafür. Studien haben sogar gezeigt, dass Väter, die einmal an einer Sepsis erkrankt waren, Immunstörungen an ihre Nachfahren vererben können.
Was kann also jeder Einzelne tun, damit es gar nicht erst zu einer Sepsis kommt? "Wunden müssen richtig versorgt werden", sagt Weigand. Vor allem bei tiefen Schnitt- und Bisswunden sollte der Hausarzt aufgesucht werden. Dringend solle man auch seinen Impfstatus überprüfen: Alle ab 60 Jahren sollten unbedingt gegen Pneumokokken und Influenza geimpft sein. Der korrekte Impfschutz sei vor allem auch bei Menschen ohne Milz essenziell. Und, das gab Prof. Weigand allen abschließend mit auf den Weg: "Wenn Sie die Frühsymptome erkennen, fragen Sie Ihren Arzt: Könnte es eine Sepsis sein?"

